Unter der Decke

Unter der Decke heißt der erste Teil meiner Reportage über Prostitution in unserer Stadt. Über dieses Thema ist vorher nicht geschrieben worden. Es gab ein paar aufgeregte Berichte, als rumänische Prostituierte sich vor einer Schule anboten. Daraus wurde dann ein Sperrbezirk gemacht. Dann waren die Rumäninnen wieder weg. Wir sind etwa 80.000 Einwohner. Wir hatten sowohl ein Rocker-Hauptquartier, als auch einen bundesweit bekannten Nazitreff, aber keine Zwangsprostitution, keine Gewalt gegen Frauen? Das sei hier kein Thema bekam ich als Antwort. Ist es aber doch…

Lena – die Sanfte, die Leuchtende, das Licht, der Sonnenschein – so die Bedeutung. Lena, was für ein schöner Name. Fein, leicht, fröhlich. Die Lena in dieser Geschichte hat wenig zu lachen. Von einem leichten Leben ist sie weit entfernt. Lena ist auch nicht ihr richtiger Name, sondern ihr Arbeitstitel. „Man muss einen haben, der sich einprägt und man gefunden wird.“ Diese Lena ist eine Prostituierte und arbeitet in Neumünster in einer sogenannten Modellwohnung. Sie ist 23 Jahre alt, hat keine Ausbildung und vermisst ihre Tochter, zu der sie keinen Kontakt hat. An guten Tagen benutzen zehn Männer ihren Körper.

Wie ist das eigentlich mit der käuflichen Liebe in unserer Stadt? Wo gibt es Sex gegen Geld? Oder findet das älteste Gewerbe der Welt, wie es ja auch gern etwas romantisch genannt wird, hier gar nicht statt? Fragt man im Bekanntenkreis, hört man vorwiegend aus Männer-Mündern: „Also ich kenne mich da ja nicht aus, aber in der Wrangelstraße ist doch ein Swinger-Club.“ „Ich gehe ja nicht in solche Dinger, aber im Krokamp ist doch ein Puff.“ Und jüngst durfte sogar ein „Gentlemen’s Club“ nach neuen „Ponys“ in einem Anzeigenblatt suchen. Alles ganz normal. Harmlos eben. Man kichert ein bisschen. Jeder kann aus dem Stand gewesene und schon längst wieder dicht gemachte Etablissements nennen. Da fallen Namen wie die „Lido-Bar“, „Tiffany“ oder ein „Massage-Club“ in der Kieler Straße, ein „Sex-Shop“ in der Christianstraße. Und das passende Kino dazu gehört in der Gasstraße auch schon ewig zum Stadtbild. Zwei langjährige Journalisten-Kollegen erinnern sich:

„In den Jahresbüchern der Stadt waren die offiziell agierenden Damen früher unter der Bezeichnung „HWG“ (häufig wechselnder Geschlechtsverkehr) aufgeführt. Und in der stadtbekannten „Capello Bar“ in der Altonaer Straße gab es nicht nur das eine, sondern auch noch hervorragenden Kaffee – vermutlich von Hand aufgebrüht. Ansonsten erinnere ich mich dunkel an eine Striptease-Bar (ebenfalls in der Altonaer Straße gegenüber der ehemaligen Reichshalle), die ich als damals noch ganz junger Mensch natürlich strunz-langweilig gefunden habe.“

Auch ein Kollege, der als Reporter, viel im Nachtgeschehen unterwegs sein musste, kennt viele Geschichten über Zuhälter wie den legendären Werner „Mucki“ Pinzner, der fünf Zuhälter-Kollegen ermordete und sich in der Haftanstalt in Hamburg mit einem Doppelmord mit anschließendem Suizid von dieser Welt verabschiedete. Die Waffe hatte seine Rechtsanwältin in die Haftanstalt geschmuggelt. „Der hatte hier auch ein paar Mädchen“, erinnert er sich. Auch andere ehemalige in die Jahre gekommene „Luden“ kann er auf Anhieb nennen, die heute ganz sittsam hier leben.

Zwangsprostitution und Gewalt

„Warum wollen sie ausgerechnet dieses Thema machen?“ Werde ich gefragt. Ob ich nach Sensationen suche? Nein, ich möchte nur wissen, wie die Lage ist. „Darüber gibt es überhaupt nicht viel zu sagen. Die meisten sind freischaffende Künstlerinnen. Das ist hier kein Thema. Das ploppt hier nur am Rande auf. Zwangsprostitution – glauben wir nicht, dass das hier eine Rolle spielt. Nur die Sache mit den rumänischen Frauen vor zwei Jahren. Gewalt? Also ausschließen kann man das ja nie, aber ein großes Thema. Nein. Das ist vielleicht in Kiel oder Hamburg so, aber hier. Nein. Das ist eher ein unauffälliges Treiben.“ Das sind die Antworten auf meine Anfragen bei zuständigen Stellen bei Polizei und Verwaltung. Also alles in Ordnung?

Lena, die Prostituierte, weiß es besser. „Natürlich gibt es hier Zwangsprostitution und Gewalt. Aber eben nicht so offensichtlich. Es gibt nur noch wenige deutsche Frauen. Viele der ausländischen Kolleginnen sind unter einem Vorwand aus ärmlichsten Verhältnissen hierher gelockt worden und werden nun unter Druck gesetzt. Sie drohen ihnen damit, ihren Familien etwas anzutun.“ (Das ganze Gespräch mit Lena im zweiten Teil)

Wenn man sich in Neumünster mit dem Thema Prostitution beschäftigt, erinnert das an eine Decke. Es gibt die helle, leichte Seite. Gesellschaftlich erfährt der Umgang mit der Ware Sex einen lukrativen Imagewandel. Die Branche hat die Frauen als zahlungskräftige Kaufgruppe entdeckt. Raus aus der Schmuddelecke. Statt schummrig beleuchteter Sexshops mit Hardcore-Pornos unterm Tresen gibt es heute moderne Glaspaläste, schön ausgeleuchtet mit allerlei Erwachsenen-Spielzeug und eindeutig dekorierten Schaufenstern. Die müssen alle aushalten. Auch jene, die das nicht wollen oder vielleicht noch gar nicht sehen sollten. Was sagt das Jugendschutzgesetz zum Präsentieren von rasierten Damen in einem Hauch von nichts in Überlebensgröße? Ob ich prüde wäre? Nein, aber ich möchte schon noch selber entscheiden, wann und wie ich mich mit dem Thema Erotik beschäftige. Das wäre heute eben so, wurde mir mal von einer Karstadt-Verkäuferin gesagt, als ich den Zustand bemängelte, dass eben jene rasierten Kalender-Damen neben niedlichen Katzenbaby-Kalender hängen. Das ist eben so. Und dann muss es richtig sein?

Bewertungs-Portal für Prostituierte

Diese Verharmlosung trifft man auch im Gewerbe. Dirne, Hure, Nutte, Puff – so sagte man früher. Auf der hellen, sauberen Seite benutzt man lieber die Begriffe Modell, Escortbegleitung, Laufhaus. Das klingt doch viel harmloser. Geradezu elegant. Beim Blick unter die Decke ist gar nichts elegant. Das Gewerbe ist, was es ist – ein knallhartes, brutales Geschäft auf Kosten der Frauen. Hier in Neumünster stehen die Frauen aber nicht an der Straße, sondern sie sind im Internet zu finden. Wer sucht, wird sofort fündig. Es dauert genau eine Minute, um im Netz unter den entsprechenden Suchbegriffen auf „Fachportalen“ auf Schlag 40 Frauen zu finden. Die Stadt ist übersät mit Modell-Appartements. Jetzt lüftet man die Decke und kommt auf die sehr dunkle Seite ohne Zuckerguss. Schwer auszuhalten. Vor allen Dingen, die Foren, in denen die Prostituierten „bewertet“ werden. Ware Frau. Immer härter, immer erniedrigender.

Diese Seite bleibt vielen verborgen. Die realistische, die dunkle, schmutzige Seite. Mit der will niemand etwas zu tun haben. Weil die Damen ruhig ihrer Arbeit nachgehen, gibt es eben kein Problem. „Gab es doch schon immer. Dann gibt es weniger Vergewaltigungen. Die machen das doch freiwillig.“ Sind gern genannte Argumente.

Einen Aufschrei gibt es nur, wenn man offensichtlich mit dem Thema belästigt wird. Dann werden Anwohner aufmerksam. So wie vor zwei Jahren mit den Frauen aus dem rumänischen Gewerbe. Wir dürfen annehmen, dass sie nicht auf deutsch lesen konnten, an welcher Stelle, sie ihre Dienste anboten. Der Platz war einfach praktisch. Mit einem großen Parkplatz dabei, viel Durchgangsverkehr. Gute Sicht- und Haltemöglichkeiten. Aber leider vor einer Schule und einem Friedhof. Da haben sie aber nicht mit der aufmerksamen Nachbarschaft gerechnet. Die empörte sich zurecht. Und es dauerte nicht lange, bis der medial mit großer Aufmerksamkeit begleitete Damentrupp mittels Sperrbezirksverordnung aus der Stadt gejagt wurde. Und damit die Damen das auch wirklich richtig verstehen, wurden sogar Handzettel in den Landessprachen erstellt. Vonseiten des Ordnungsamtes wurde ihnen allerdings auch Hilfe angeboten. Es gibt ein Frauenhaus und den Notruf für vergewaltigte Frauen in der Stadt. Wenn man nicht lesen kann, sind diese Hilfsangebote unerreichbar. Wenn die Kraft und die Alternativen fehlen auch. Lena: „Ich kann wohl schlecht zum Arbeitsamt gehen und sagen, dass ich umschulen will.“

Ich kenne keine Frau, die das wirklich will.“

Männer, die Sex kaufen wollen, bilden eine muntere Reisegesellschaft. Damit sie vor Ort nicht erkannt werden, fahren sie in die anderen Städte. Also die Freier aus Neumünster fahren nach Kiel, Nortorf oder in andere Dörfer. Dafür verkehren hier die Kieler. Lena zieht mit dem Zug mit. „Jeweils für eine oder zwei Wochen mieten wir die Appartements an, dann geht es weiter. Früher bin ich weiter gereist. Das will ich nicht mehr. Montags bis Freitag von 10 bis 24 Uhr, an den Wochenenden bis morgens früh um 3 Uhr. Zwei Frauen arbeiten immer gemeinsam in der Schicht. Platz ist für vier Kolleginnen. Das gibt auch Sicherheit.“

Steigt man tiefer ins Thema ein, findet man bundesweit emotionale Diskussionen zwischen Feministinnen, Befürwortern, Gegnerinnen, bekennenden Huren, die ihren Job als einen ganz normalen angesehen haben wollen. Man erfährt erstaunliche Dinge. So gibt es mehrere Berufsverbände, die die Rechte von Sexarbeiterinnen oder Bordellbetreibern vertreten. Professionell und politisch engagiert wirken die gut gemachten Seiten im Netz. Ernüchternd allerdings die Tatsache, wenn man die Mitgliederzahlen anschaut. Unter 50. Und das sich die Gründungsmitglieder aus Bordellbetreibern und selbstständigen gut verdienenden Domina-Damen zusammen setzen. Vor 10 Jahren wurde das Prostitutionsgesetz auf den Weg gebracht und sollte den Frauen bessere Arbeitsbedingungen bescheren und ihnen Schutz bieten. Hat nicht funktioniert. Die geplante Verschärfung des Prostitutionsgesetzes würde wieder nur zur Lasten der Frauen gehen und die Arbeitsbedingungen erschweren. Hoch emotional geht es beiden Seiten zu und für Außenstehende ist es nicht leicht, den Durchblick zu behalten. Alle Seiten haben irgendwie recht. Die große Masse an ausgebeuteten Frauen erreicht es nicht.

Lena und viele ihrer Kollegen haben keine Zeit zum Lesen oder zum Diskutieren. Sie müssen arbeiten und aushalten. Wenn man unter die Decke schaut und Menschen wie Lena trifft, vergeht einem das Lachen. Und man ahnt, dass es sehr dunkel darunter ist. Lena: „Ich kenne keine Frau, die das wirklich will. Auf eine Art sind zwar viele freiwillig hier, aber niemand findet das toll, als Prostituierte zu arbeiten. Selbst, die etwas anderes sagen, denen sieht man es am Gesicht an, dass sie sich selbst belügen. Die große Mehrheit hat wenig Möglichkeiten. Der Ausstieg ist ganz schwer. Wenn ich morgens aufstehe, denke ich hoffentlich ist dieser Tag schnell vorbei.“

Extra

Auszüge von Kollegen:

Zeit-Online, 11. Oktober 2011

Detlef Ubben, der mehr als zehn Jahre Chefermittler im Bereich Menschenhandel und Zwangsprostitution des LKA war, schätzt, dass bis zu 95 Prozent der rund 2.250 Prostituierten in Hamburg nicht freiwillig arbeiten. Vor zehn Jahren sollte das Prostitutionsgesetz das Gewerbe nicht nur legalisieren, sondern auch dazu beitragen, die Zwangsprostitution abzuschaffen. Doch das zweite Ziel wurde nicht erreicht. Manche gehen sogar davon aus, dass das Gesetz den Menschenhändlern nützt, weil die Bordelle weniger kontrolliert werden. Ein Mitarbeiter vom LKA Hamburg sagt: „Eine Genehmigungspflicht für Bordelle muss sein. Es kann nicht angehen, dass man eine Genehmigung für eine Imbissbude braucht, aber ein verurteilter Menschenhändler einfach einen Puff aufmachen kann.“

 

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