Schicht-Arbeit

Das hatte er nicht so erwartet und schon gar nicht geplant. Er hatte nicht erwartet, jahrelang im Baustaub zu wühlen, ihn einzuatmen und tonnenweise Schutt zu schleppen. Er hat nicht geahnt, wie viel Arbeit, Nerven, Geld und Kraft das Projekt kosten würde. Schicht für Schicht hat er sich durch die Etagen, durch die vielen Lagen Tapeten, durch den Dreck gewühlt, sie abgetragen, freigelegt und gestaunt. Er hat nicht damit gerechnet, derart schöne Dinge zu finden – den Ursprung, eine Reise in die Vergangenheit. Auch die Geschichte seiner Familie, seines Urgroßvaters, der ein Baumeister war.

Als der Hamburger Künstler Geert Westphal (59) 2012 mit der der Sanierung des Mehrfamilienhauses in der Holstenstraße 8 in Neumünster begann, ahnte er nicht, wie sehr ihn dieses Haus einsaugen würde und mittlerweile ein Teil seiner Biografie geworden ist. Vier Jahre seines Lebens stecken jetzt in diesem Haus. Ein Weg durch Bau- und Stadtgeschichte, ein Parforceritt durch die Behörden vom Bauamt bis zum Denkmalschutz, ein energetischer Einsatz körperlicher und seelischer Art sowie die intensive Auseinandersetzung mit Handwerkszünften aller Art – im Guten wie im Schlechten. Das Haus wurde entkernt, gehäutet, vorsichtig in vielen Schichten abgetragen und damit sein ursprüngliches Antlitz wieder freigelegt. Eine Sisyphusaufgabe. Und ganz abgeschlossen ist sie immer noch nicht.

Die Geschichte

 Sein Urgroßvater, der Bauunternehmer Gustav Hartz, hatte es 1905 geplant und erbauen lassen. Ursprünglich war er nur der Baumeister, aber als der Auftraggeber nach der Fertigstellung nicht bezahlen konnte, blieb es im Familienbesitz. Ein bürgerlicher Prachtbau in der Holstenstraße, die maßgeblich von dem renommierten Architekten Magnus Schlichting geprägt war. Von der einstigen Stadtvilla mit stuckverzierten Säulen und einer imposanten Fassade war nicht mehr viel übrig geblieben. Verschiedene Baumaßnahmen im Laufe der Jahrzehnte mit den einhergehenden Moden und Ideen im Sanierungsbereich hatten sämtliche reizvollen Optiken komplett überbaut. Eine triste Glasfront nahm dem Haus den Charme. Auch das Innenleben hatte jedes prunkvolle Ambiente längst verloren. Zwölf Cousinen und Cousins, verstreut in aller Welt, bildeten die Erbengemeinschaft. Das Haus wurde von einer Hamburger Firma aus verwaltet. Es verkam. Immer weniger Mieter wollten dort leben. Und immer häufiger wechselte auch das untere Geschäftsleben. „Das Kaufhaus Holstenstraße“ war das letzte Unternehmen.

Zwölf Erben, elf zu viel, um sich wirklich auf einen gemeinschaftlichen Weg zur Verwendung zu einigen. „In mir regte sich ein innerer Widerstand, das Haus einfach billig zu verramschen – so wie es eine Sparkasse wohl gerne gesehen hätte“, erinnert sich Geert Westphal. „Einfach abreißen und neu bauen? In dieser Zeit wuchsen wohl die Idee und die Zuneigung zu diesem Objekt.“ Als Künstler hatte er gesehen, welches Potenzial das Haus barg – auch wenn damals noch viel verborgen lag. Es gab noch weitere Häuser der einst in Neumünster ansässigen Familie. Und so wurde verhandelt, getauscht, ausgezahlt. Am Ende stand Geert Westphal als einziger Besitzer der Holstenstraße 8 im Grundbuch. Sein Weg war frei. Wie sich dieser entwickeln würde, ahnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Das Haus

 Hier wohnte 1905 das wohlhabende Bürgertum. Relikte längst vergangener Zeit erinnern noch heute daran. Sie waren sichtbare Spuren vom gesellschaftlichen Leben und Wirken in Neumünster um 1900. Toiletten auf halber Treppe. Kleinste Kammern, die kaum mehr Platz für ein Bett und den Waschtisch boten, ohne Heizung. Die kargen Unterkünfte der Dienstmädchen. Es gab keine Bäder, dafür große Küchen, um die Herrschaften angemessen zu versorgen. Und repräsentative Salons mit gläsernen Verbindungstüren mit kostbarem Facettenschliff. Vieles war davon verschwunden, demontiert verbaut oder nicht mehr brauchbar. Die Wohnungen mussten neu, den heutigen Lebensgewohnheiten entsprechend, aufgeteilt und gestaltet werden. Immer mit einem wertschätzenden Auge auf die kostbaren, ursprünglich verbauten Materialien. Die massiven Pitch Pine Dielen wurden wieder freigelegt, restauriert, geschliffen und versiegelt. Teilweise konnten Terrazzoböden in den Bädern wieder freigelegt werden. Die originalen Wohnungseingangstüren wurden auf dem Dachboden wiedergefunden und für die heutigen Anforderungen an Dichtigkeit und Sicherheit wieder aufbereitet.

„Ich hasse Raufaser!“

Wer jetzt die behutsam entblätterten Wandmalereien bestaunen kann, versteht die leidenschaftliche Aussage des Künstlers. Aber auch den enormen Aufwand, der betrieben werden musste. Viele Tapetenschichten mussten entfernt werden, um den Putz sanieren, spachteln und schleifen zu können: offene atmende Wände statt Raufaser. Nicht das Ergebnis steht an erster Stelle. „Der Verwandlungsprozess ist der eigentliche Reiz.“ lautet sein Fazit. Am Ende gibt es eine Fülle an Details, die wieder zum Tragen kommen und die Eleganz und den Geist dieser Räume ausmachen: der Stuck, die Gliederungen der Zargen und Türen mit ihren historischen Beschlägen.

Dunkel, zugebaut und muffig war es einst im Treppenhaus. Jetzt führt der Weg hinauf ins Licht über die imposante, freischwingende, hölzerne Treppe, die sich wie ein graues Band durch die Etagen nach oben windet. Ein ganz zentrales Element in diesem Haus ist die Einwirkung von Licht. Schächte und eine gläserne Kuppel im Dach sorgen nicht nur für Helligkeit, sondern für stimmungsvolle Lichtspiele. Ich habe Glück, denn der Tag der Besichtigung ist ein sonniger und so entfaltet sich das Licht- und Schattenspiel in diesem Bauwerk in seiner ganzen Vielfalt. Und bringt zudem die Wohnungstürzargen, die in einem mutigen, frischen und fröhlichen Limonen-Ton gestrichen sind, zum Leuchten. Ein imposantes Element ist die gläserne Kuppel oben im Dach. Sie sorgt für eine besondere Leichtigkeit. Außergewöhnlicher Hingucker: Die kleine Treppe zum Dachboden endet mit der letzten Stufe direkt vor der Tür. So wirkt das Zusammenspiel von Glaskuppel, Treppe und Tür wie ein Durchgang in ein verzaubertes Reich. Die Treppe zum Himmel. Sie weckt Erwartungen, Abenteuer, Spannung.

Der Irrtum – Lehrzeit – Bauphase

„Die Bauarbeiten sollten so etwa ein Jahr in Anspruch nehmen.“ Er muss selber schmunzeln, wenn er an seinen ursprünglichen Plan zurückdenkt. „Es war eine völlig falsche Einschätzung, dass die Bauleitung tatsächlich jemand Externes leisten könnte. Nicht mit dem Anliegen, welches ich an diesem Bau hatte.“ Aus dem fernen Hamburg wollte er ab und zu mal nach dem Rechten schauen, was denn die Handwerker so treiben. Aber die machten einfach ihr Ding. Oder auch gar nichts. Und das war etwas gänzlich anderes, als er im Kopf hatte. Ein Prozess, der sich mit jedem Bauschritt offenbarte und verstärkte. Das weiß er nach nun vielen Hundert Stunden auf dem Bau, nach 13 Containern Bauschutt, die er mit seinen Händen abgeschlagen und aus dem Haus getragen hat.

Er hat in den vergangenen drei Jahren viel gelernt: Geduld, Langmut und auch das Streiten. „Es gibt nicht viele Handwerker, die sich auf eine solche künstlerische, bedächtige Vorgehensweise einlassen“, hat er erfahren. „Die machen ihr Schema X und das ist oft eher einfach abreißen, kaputtmachen und etwas Provisorisches darüber. Oft stand er alleine auf der Baustelle und wartete vergebens auf angekündigte Helfer.

Langmut und Geduld. Es gab einige Momente des Luftanhaltens und des hohen Blutdrucks. Als sich zum Beispiel herausstellte, dass die riesigen Fensterelemente für die Frontseite falsch vermessen und nicht eingebaut werden konnten. Es war stürmisch, es gab nur ein enges Zeitfenster und die Vorbereitungen für das Einsetzen ein riesiger Aufwand. Nervenaufreibend.

Schwierig gestaltete sich auch, den richtigen Pfad durch die Vorschriften zu finden. Brandschutz vs. Denkmalschutz – so könnte man den Kampf zusammenfassen. Fast unmöglich beidem gleichzeitig gerecht zu werden. Aber er hat auch die besondere Gemeinschaft einer Langzeitbaustelle erlebt. Das Schaffen, das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen und die Freude beim Finden von kostbaren Elementen.

Vier Jahre später

 Selbst wer nie in dem Haus gewesen ist. Besucher des damaligen Kaufhauses und Passanten erinnern sich an das düstere, wenig einladende Ambiente. Verrammelt, zugebaut, verschandelt. Alles weg. Geöffnet, einladend. Und staunend verfolgt. Schon während der ersten sichtbaren schweren Sanierungsmaßnahmen blieben die ersten „Seh-Leute“ neugierig stehen und wollten wissen, was sich hier tut. Geert Westphal der erlebte wunderliche, erfreuliche, inspirierende Begegnungen. „Es wurde ein sehr kommunikativer Ort“, freute er sich über das Interesse und erfuhr auf diesem Wege auch Gastfreundschaft und Unterstützung. Wertvoll, wenn man neu in der Stadt ist. Und was viele Neumünsteraner, die ja immer mit der eigenen Stadt hadern wohl überraschen wird. „Hamburg ist ein schwieriges Pflaster. Da hätte ich dieses Projekt niemals verwirklichen können“, weiß er. „Neumünster hat deutlich mehr Freiräume.“ Das hat er nicht nur in der kooperativen Zusammenarbeit mit den Behörden erlebt, sondern auch mit seinem Umfeld.

Eine unglaubliche Lehrzeit“

Zeit, Geld, Profit – das sind heute eigentlich die Währungseinheiten für das sogenannte Beton-Gold. In Zeiten niedrigster Zinssätze haben alle Handwerker die Auftragsbücher prall gefüllt und es wird saniert, gedämmt ab- und hochgerissen auf Deubel komm raus. Nicht immer zum Besten von bestehenden Gebäuden. Gerade der Übereifer bei der Sanierung alter Gemäuer mit neuesten Dämmmethoden führen zu massiven Eingriffen in den dynamischen, organischen Organismus eines Hauses. Hermetisches Abriegeln, falsche Belüftung, Schimmel – um nur einige Probleme zu nennen. Mal abgesehen von historischen, bewahrenden Gesichtspunkten. Gerade vor diesem Hintergrund mutet das Langzeit-Sanierungs-Projekt von Geert Westphal wie ein luxuriöses – vielleicht auch ruinöses Ausnahmestück an. Auf den Faktor Wirtschaftlichkeit darf man hier nicht bauen. Mit allen Fördergeldern des Denkmalschutzes, der Hermann Hinrichs-Stiftung und seinem Privatvermögen sind wohl mittlerweile 600.000 Euro in die Sanierung geflossen. Da ist es wohl nur ein kleiner Trost, dass die erste Wohnung bereits seit 2013 vermietet ist, weitere folgten. Geert Westphal ist sich seiner privilegierten Rolle sehr wohl bewusst.

„Eine unglaubliche Lehrzeit“ ist sein Fazit. Und nun ist dieses Werk ein Teil seiner Biografie, ein Teil seiner künstlerischen Arbeit. Eigentlich fast zu schade, dass er hier nicht selber wohnen wird. Während dieser Reportage stehen die Arbeiten der beiden zukünftigen Geschäftsräume vor dem Abschluss. In dem rechten Gebäudeteil ist mittlerweile ein neues Restaurant untergebracht. Alle Wohnungen sind vermietet und die aufwendige Wiederherstellung der Außenfassade abgeschlossen. Und da steht dann plötzlich wieder ein leuchtendes Juwel in der Straße. Geert Westphal hat nicht nur sich ein Geschenk gemacht, sondern auch der Stadt Neumünster.

Info

Geert Westphal wurde 1956 in Windhoek (Namibia) geboren und wuchs in Hamburg auf. Von 1978 bis 1983 studierte er Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Franz Erhard Walther sowie an der HdK Berlin und im Grundstudium Medizin in Köln. 30 Jahre lang hatte Westphal sein Atelier in Köln und pendelte zwischen Hamburg und Köln. In Hamburg lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern. Die neue Achse hieß in den letzten drei Jahren Hamburg-Neumünster.

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