Lena

„Lena“ heißt der zweite Teil meiner Reportage über Prostitution in unserer Stadt. Über dieses Thema ist vorher nicht geschrieben worden. Es gab ein paar aufgeregte Berichte, als rumänische Prostituierte sich vor einer Schule anboten. Daraus wurde dann ein Sperrbezirk gemacht. Dann waren die Rumäninnen wieder weg. Wir sind etwa 80.000 Einwohner. Wir hatten sowohl ein Rocker-Hauptquartier, als auch einen bundesweit bekannten Nazitreff, aber keine Zwangsprostitution, keine Gewalt gegen Frauen? Das sei hier kein Thema bekam ich als Antwort. Ist es aber doch…

 

Lena

Lena ist schmal, zierlich und plaudert mit einer fröhlichen Stimme. Sie redet klar, klug und sehr reflektiert. Nicht so, wie man es erwarten würde. Was erwartet man denn? Jedenfalls nicht das. Sie zögert keine Sekunde, ist nicht abwehrend oder misstrauisch, sondern gleich bereit, ein Gespräch zu führen. Fast so, als freue sie sich, dass sie als Mensch wahrgenommen wird und nicht als Ware. Als hätte sie gewartet, jemandem ihre Geschichte zu erzählen.

Ich habe das einfach nicht geschafft.“

Sie ist erst 23 Jahre alt. Ein junges Leben. Seit vier Jahren arbeitet sie im Gewerbe. Ihre Stimme klingt jünger. Sie ist die Erste in der Familie, die als Prostituierte arbeitet. „Ich bin da irgendwie hineingerutscht über eine Bekannte. Das geht schnell.“ Mit 17 wird sie zu früh schwanger. Ihre Schule beendet sie mit einem Hauptschulabschluss. Eine Ausbildung macht sie nicht. Stattdessen jobbt sie, arbeitet in der Altenpflege und kellnert. „Ich bin früh Mutter geworden. Ich fühlte mich allein gelassen, hatte keine Hilfe, war überfordert mit Beruf und Kind. Ich hatte kein Durchhaltevermögen, keine Kraft. Ich habe das einfach nicht geschafft.“ Diesen Satz sagt sie ganz oft. Und es gibt noch einen Satz, der immer wieder im Gespräch fällt: „Der Ausstieg ist ganz, ganz schwer.“

Sie hätte nichts lange durchgehalten, sich schnell gelangweilt in den Jobs. Gelockt hat sie auch das schnelle Geld. Sie hat schon viel gesehen in dieser Branche, die sie erst durch ganz Deutschland bringt. Viele Biografien, Gewalt, Elend, Traurigkeit. Es sind nicht mehr viele deutsche Frauen, die ihre „Kolleginnen“ sind. „Polnische, russische, türkische, rumänische, von überallher. Oft können sie nicht miteinander sprechen, weil es Sprachprobleme gibt. Meistens sind sie sehr arm und schicken das Geld ihren Familien. Auch Zuhälterinnen sind ihr begegnet. Aber das ist die Ausnahme.

Auch sie hat schon schlechte Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Gleich der erste Mann, der ihr „Schutz“ anbot, versuchte über Einschüchterung, Bedrohung und Gewalt, sie gefügig zu machen. Sie konnte fliehen, ist untergetaucht und arbeitet seitdem auf eigene Rechnung in den wechselnden Modellwohnungen. Hier findet sie für sich eine Art Schutz. „Hier fühle ich mich sicher, weil wir immer mehrere sind. Wir halten zusammen. Andere machen nur Hausbesuche, gehen in Hotels oder arbeiten privat bei sich zu Hause. Das ist nicht meins.“ Die weiten Reisen sind ihr zuviel geworden. Ihr Radius beschränkt sich auf Neumünster, Nortorf, Kiel.

Hoffentlich geht dieser Tag schnell vorbei.“

Viele ihrer Kunden sind verheiratet, führen lange Ehen und haben ein eingeschlafenes Sexleben. Weil sie jung und hübsch ist, wird sie gern besucht. Aber sie spürt auch die Verachtung. Es gibt einen schlimmen Trend: Die Männer wollen es immer härter und tabuloser. Für Geld wollen sie alles haben. Und sie glauben, sich auch dafür alles erlauben zu können. Erniedrigung, Entwertung, moderner Sklavenhandel.

„Natürlich gibt es auch Gewalt und Zwangsprostitution in Neumünster. Das gibt es überall, wo wir arbeiten. Aber das läuft heute anders als früher. Viele Frauen können sich nicht wehren. Sie können sich ja nicht mal verständigen. Sie haben keine Krankenversicherung und keine Angehörigen. In manchen Städten gibt es Hilfe, aber viele trauen sich nicht, die in Anspruch zu nehmen. Wenn ein Freier ausrastet, bekommen wir Hilfe von der Polizei. Die sind hier in Neumünster sehr unterstützend.“

Sie nennt ihre Dienstzeiten, die wie die Öffnungszeiten in normalen Unternehmen klingen. „Meinen Urlaub und meinen freien Tage kann ich mir selber einteilen. Manchmal braucht man doch mal eine Pause.“ Ihre Eltern ahnen, wie sie ihr Geld verdient. Freunde und Verwandte wissen es. Keiner spricht darüber. „Ich schäme mich nicht für das, was ich tue. Man sollte sich nicht schämen. Ich versuche, das anzunehmen, wie es ist. Und doch denke ich jeden Morgen: Hoffentlich geht dieser Tag schnell vorbei.“

Ihr Beruf bestimmt ihren Lebenswandel. Sie hat einen Freund, der es nicht gut findet, dass sie anschafft. Sie fühlt sich oft einsam. Am Schlimmsten findet sie die Trennung von ihrem Kind. „Ich sehe meine Tochter nicht. Sie lebt bei ihrem Vater. Weit weg von hier. Sie soll nicht wissen, was ihre Mutter macht. Dafür würde ich mich wirklich schämen. Sie soll es nicht schlecht haben und ich möchte nicht, dass schlecht über sie geredet wird. Sie ist jetzt sechs Jahre alt. Ich vermisse sie sehr. Für mich ist das schwer …

Der Ausstieg ist ganz schwer.“

„Der Ausstieg ist ganz schwer. Viele wollen das. Ich auch, aber wie? Zu wem sollen wir gehen? Wir können doch nichts anderes.“ Wenn sie doch könnte, wie sie wollte würde sie gerne eine Ausbildung in der Altenpflege machen. Sie arbeitet gern mit Menschen. Wie bitter das klingt in ihrer Lage. „Sie kennt eine Kollegin, die es nach sieben Jahren doch geschafft hat und dennoch gescheitert ist. „Sie hat es ihrem Chef gesagt, dass sie als Prostituierte gearbeitet hat. Und das ist nicht gut gegangen. Ja, sie hat den Ausstieg geschafft. Und heute macht sie gar nichts mehr. Viele Kolleginnen trinken. „Wir sind doch nichts wert. Das lassen einen viele Männer spüren.“

Was sagt sie zu der Diskussion, dass Kolleginnen meinen, Prostitution sei ein ganz normaler Job und viele Frauen würden das freiwillig machen? „Es mag Frauen geben, die ihr Sexleben anders ausleben wie zum Beispiel in der SM-Szene. Aber die sind in der Minderheit. Ich habe schon so viele Frauen getroffen und ich kenne keine einzige Frau, die das gerne macht. Auch wenn nicht alle gezwungen werden. Viele sind freiwillig hier. Aber nur, weil sie keinen anderen Ausweg für sich sehen. Das ist ganz, ganz schwer hier rauszukommen. Die Frauen trauen sich auch nicht, um Hilfe zu bitten. Wen denn auch? Wenn ich die Wahl hätte, würde ich es auch nicht machen!“

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