Hühnerkram

Ich wollt ich wär‘ mein Huhn

Ich wohne in der Stadt, aber im Herzen bin ich eine Land-Frau. Ich backe Brot, mahle das passende Getreide dazu. Das Müsli wird frisch gequetscht. Gekaufte Marmelade kennen meine Kinder gar nicht mehr. Wir schlagen uns gemeinsam in die Beeren, kochen und frieren ein. Zugegeben: Die Anzuchterfolge im Gemüsebereich halten sich noch sehr in Grenzen. Über den Winter bringe ich die Familie damit nicht. Aber für ein paar Mahlzeiten reichen frische Bohnen, Kartoffeln und Co. allemal. Kräuter gibt es ganzjährig. Unermüdlich betätige ich mich als Freizeit-Landwirtin und lasse mich von vielen Rückschlägen und mageren Ernten nicht abschrecken. Alles ohne Gift und Chemie-Keulen. Die Mutti is ne Ökolatsche und steht dazu. Igel, Hummel, Vogelvolk und das andere Viehzeug danken es mit Großdemos. Da mixt man auch mal ne Brennessel-Jauche zum Düngen an. Klar gibt es einen Kompost. Und seitdem ich mich ins Wildkräuter-Thema eingearbeitet habe, hat sogar der Giersch mein Herz gewonnen.

Warum denn eigene Hühner?

Gerne dürfen es neue Projekte sein: Hühner. Irgendwann waren sie in meinem Kopf. „Ohne uns!“, schrie das Kindsvolk. Der Gatte guckte auch sparsam, aber sparte sehr weise die Widerworte. „Aber die Eier!“, versuchte ich die Hühner-Fangemeinde von eins auf vier hochzupeitschen. „Kann man kaufen“ – schallte es zurück. Aber genau das wollte ich nicht mehr. Die Giftfreiheit hört bei mir nicht an der Gartenpforte auf. Leckeres Essen ohne was Unbekanntes und Chemisches drin, ist eine weitere große Leidenschaft. Soßentüten, Fertigfutter, Billigfleisch und Co. machen bei mir einen engen Hals und Blutdruck. Für Verbraucher ist es ja gar nicht leicht, einen Durchblick im Ernährungs-Produzenten-Dschungel zu haben. Es wird viel erzählt, geschrieben und ist eine große Welt der Märchen und Mythen. Auch mit den Eiern wurde mir einfach zuviel Schmu gemacht. Da werden Bio-Eier falsch deklariert, weil dann die Kasse besser klingelt. Und was man von einem Produzenten halten soll, der gleich alle Handelsklassen vom Käfig- bis zum Bio-Ei anbietet. Also, weil er so hohe ethische Grundwerte hat, bestimmt nicht.

Größenwahn

Und überhaupt. Eine gute Landwirtin hat eigenes Vieh. Von Kuh, Schaf und Schwein habe ich allerdings zunächst einmal Abstand genommen. Obwohl der britische Kult-Selbstversorger John Seymour in seinen Werken eine geradezu kinderleichte Anleitung dafür bietet und sich meine Gartenfläche durchaus für die Großtier-Haltung eignen würde. Na, ja, man denkt ja an die Nachbarn und die doch leicht fehlende Kompetenz im Umgang mit Paarhufern und Euter-Trägerinnen. Für die Zufahrt der Landmaschinen sprich Trecker müsste ich das Nachbarhaus versetzen … vielleicht später …

Die richtige Lektüre

Neues Projekt – erst einmal einarbeiten. Als Schreiberin bin ich von Haus die Büchertante. Und es war wohl auch das passende Hühnerbuch, was letztendlich den Ausschlag nach jahrelangen theoretisch, emotionalen „Ich will Hühner haben“ zur Anschaffung welcher geführt hat. „Hühner halten im Garten“ von Suzie Baldwin wurde zu meiner Bibel und hat mich vorbereitet sowie geläutert. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich war egoistisch. Eigentlich wollte ich nur ihre Eier. Hühner ja, aber so ganz die fanatische Tierliebhaberin bin ich auch nicht. Ho und hu und wie fasst man die denn an und können die picken? Äääähh und vielleicht kommen kleine Krabbeltierchen aus den Federn und um Himmels willen Rattenvolk labt sich auch gern am Hühnertrog. Küken werden von Marder, Habicht und Co gemordet huuuaaa. So kann da ja nichts werden. Erst mal therapeutisch, wissenschaftlich ans Thema ran. Und dieses wunderbare Hühner-Buch hat mir die Augen und das Herz geöffnet für meine zukünftigen gefiederten Schützlinge. Von wegen dummes Huhn. Ganz klug sollen sie sein und witzig! Also als Spaßvögel hatte ich die Federbälle bisher nicht eingestuft. Aber sie sind es! Doch dazu später…

Das Studium

Bücher allein können ja nicht reichen: Es folgten zwecks Einarbeitung zahlreiche Gespräche mit zukünftigen „Kollegen“ nebst Besichtigung von diversen Stallungen. Gründliches Studium der Paragrafen zu den Themen Geflügelhaltung in Wohngebieten, Meldepflicht, Haltungsvorgaben, Hygiene, Impfung sowie den praktischen behördlichen Tätigkeiten. Da ich nur den Einsatz einer Kleingruppe plante – die bis 25 Tiere gruppiert ist – hielten sich die Vorgaben in Grenzen. Die Stallpflicht war just aufgehoben. Das Huhn an sich ist so speziell, dass es nicht in die herkömmliche Kleintier-Praxis darf, sondern eine eigene Frau Doktor Geflügel-Frau mit Sitz in Boostedt im Bedarfsfall kontaktiert werden kann. Impfung – ach du dickes Ei. Also spritzen wollte ich meine kleinen Federbälle auch nicht unbedingt. Nur gut, dass das auch über das Trinkwasser möglich ist. Die nächste Phase der Aktion: Hühner-Haltung in der Stadt war abgeschlossen.

Wo sollen die denn wohnen?

Geeigneter Wohnraum war tatsächlich schon vorhanden. Das alte Spielhaus der Kinder stand mittlerweile verwaist im Garten. Mit einer winzig kleinen Einschränkung: Es befindet sich auf Stelzen in drei Meter Höhe. Und ein Schaukelgerüst gigantischen Ausmaßes hängt auch noch dran. Wie kommen die denn hoch die Damen? Mit architektonischem Geschick wurde aus dem Kinder- ein Hühnerhaus. Rutsche weg – Hühnerleiter dran. Sehr lange, sehr steile Leiter eben. Aber wenn man jung ist … Ausgangstür ausgebaut, Hühnerklappe montiert. Man hat es gern intim beim Legen und so boten wir den Damen vier kuschelige Separees an, welche im ersten Leben eine Kommode war. Wo einst die Kinderküche stand, hing nun eine Stange, die den Chill-Bereich darstellte, sprich auf dem die Damen zur Nachtruhe hocken.

Die Mädels aus Viöl

Welches Hühnchen hätte man denn gern? Ein langer Prozess des Lernens. Ein gutes Leben für ein geschundenes Huhn aus der Lege-Batterie – leider nicht als Anfängerin. Küken – auch lieber nicht für den Anfang. Hybrid-Lege-Maschinen – och nö. Dann lieber Rassegeflügel. Und weil die Mutter immer schon ein Herz für vernachlässigte Minderheiten hatte, fiel die Wahl auf das Vorwerk-Huhn. Weniger, weil man damit so gut saugen kann, sondern vor gar nicht langer Zeit vorm Aussterben bedroht war. Es hat seinen Namen vom Hamburger Fabrikbesitzer und Züchter Oskar Vorwerk, der ab 1900 dieses prächtige Huhn entwickelte. Eine alte Land-Huhn-Rasse, robust, nicht zimperlich, frostresistent und wirklich keine Fimmel – wie ich ja mittlerweile weiß. Die Mädels haben meine Bewunderung sicher: Ob Starkregen, heftiger Schneefall oder Orkan Xaver – macht denen einfach nichts aus. Man sucht weder Schutz, noch wird man durch die Gegend gepustet bei Windstärke 13. Großwetterlagen werden einfach ignoriert. Nur eines stimmt leider nicht: Als reine Nichtfliegerinnen wurde sie angepriesen – eine glatte Lüge! Auch die Optik konnte überzeugen. Dieses sehr hübsche Huhn mit den schwarzen Köpfen und dem bernsteinfarbenen Federkleid – sehr dekorativ. Ein Ausflug zum Züchter nach Viöl wurde zur aufregenden Abholtour. Und so zogen Rosalie, Pünktchen, Chef-Huhn sowie Bertha 1 bis 3 bei uns ein.

Das erste Ei

Zusammengefasst: wie das Warten aufs erste Kind. Gefühlt 10.000 Mal sind wir zum Hühner-Häuschen gelaufen und haben sehnsuchtsvoll ins Nest gestarrt. Lange, lange vergebens. Die Futterzusammenstellung wurde geprüft. Hat man gar einen Fehler gemacht? Gibt es einen Mangel? Stress? Mit 12 Wochen haben wir unsere Junghennen bekommen. So ab der 20. bis 25. Woche könnte „es“ passieren. Aber die Zeit, sprich das Tageslicht, wurde mit wachsendem Herbst auch nicht besser. Was wir wussten, war die ungefähre Farbe unserer Eier. Zeig mir deine Öhrchen und ich sag dir, was du legst. So ungefähr zumindest. Hühner haben etwa in Wangenhöhe so ein Ding – bei unseren Hühnern ist es ein heller Kreis – tata – die Eier-Ampel. Irgendwann war das feine leicht bräunliche Erst-Modell da. Das Ereignis! Der Sohn war der glückliche Finder (von wegen Scheiß-Hühner). Wie ein Diamant wurde es bestaunt und gefeiert. Minutenlang, um es dann andächtig in die Pfanne zu hauen. Ein kleines Erstlings-Ei – geteilt durch vier.

Das letzte Ei

Man weiß nie, wann es so weit ist. Aber zwei Faktoren führen in der ablaufenden Saison definitiv zur Einstellung der Eier-Produktion: Mauser und Lege-Pause – weil es zu kalt und dunkel ist. Dazu muss man wissen, dass eben jene Produktion eine hochkomplexe Angelegenheit ist und ein Mindestmaß an Tageslicht von Nöten ist. Meist geht eins in das andere über und führt zu einer langen eierlosen Zeit. Eine schwere, demütige Zeit. Denn in diesen acht Wochen ohne, weiß man das wirklich frische Ei zu schätzen. Alles andere gekaufte ist irgendwie bäh.

Ach du dickes Ei

Das ordentliche Huhn pflegt das Federkleid zu wechseln. Einmal im Jahr, etwa Richtung Herbst. Ich las davon. Im ersten Jahr blieben wir verschont. Aber dann. Binnen weniger Tage verwandelten sich unsere prächtigen Vorwerk-Bälle in etwas, das an gerupfte Geier erinnerte, die dann vielleicht auch noch versehentlich in die gleichnamige Küchenmaschine geraten sind. Ein erbärmlicher Anblick. Die Mutter sorgte sich und suchte Vitamine. „Alle Kraft wird für das neue Federkleid gebraucht“ hieß es im Ratgeber – mit der Folge das null Energie für die geheimnisvolle Prozedur der Eier-Produktion übrig blieb.

Die Entertainer

Also es ist zum Piepen: Öffnet Mensch die Küchentür zum Garten, kommt die Damen-Herde im sehr lustigen Wackel-Walking angehechelt. Nachdem sie von uns eingekerkert wurden, müssen wir auf dieses Schauspiel verzichten. Stattdessen rennt man wie ein hospitalisiertes Tierchen aufgeregt den Zaun auf und ab und erhofft sich eine Lücke im System. Auf einen unsichtbaren Befehl hin – wenn das Tageslicht einen gewissen Dunkelgrad erreicht hat, macht sich das Hühnervolk geschlossen auf ins Bett. Ein großartiges Schauspiel, wenn fünf im Gänsemarsch den Aufstieg in die Gemächer absolviert. Es sei denn, man hat sich unerlaubt von der Truppe entfernt. Sprich wie eine Limbo-Tänzerin sich unter dem kleinsten Zaunspalt durchgewühlt. Ja dann ist Huhn in Not. Denn auch wenn sie die Freiheit mehr als alles andere lieben: Der Nun-ist-Bettzeit-Drang ist tief verankert. Wenn kein Menschenvolk dem Huhn zur Hilfe eilt, hüpft es von hinten den Haupteingang hoch und nächtigt vor der geschlossenen Tür.

Hahn oder kein Hahn?

Zur echten Hühnertruppe gehört eigentlich ein Hahn. Punkt. In einer etwas heiteren bierseligen Stimmung skandierte die Nachbarschaft im Chor: „Wir wollen einen Hahn, wir wollen einen Hahn!“. Ich habe für uns alle eine kluge Entscheidung getroffen – und auf den Gockel verzichtet. Da wusste ich noch nicht einmal, dass die Mädels derart laut sind, dass ein Hahn vor Neid erblassen würde. Und zwar auch gerne mal um 4.30 Uhr. Das selbst der gelassenste aller Nachbarn aber schlaftechnisch eben auch eher Typ Eule – angefressen das Schlafzimmerfenster zuknallte und streng über den Zaun schaute. In den Foren gilt man bei den Hardlinern gleich als Tierschänder, wenn man die Herren der Gockelrunde ausschließt. Die Mädels bräuchten den Schutz und die Sortierung durch die männliche Abteilung. Von anderen Dingen, die Vögel ja auch mal gerne tun, ganz zu schweigen. Aber das Leben ist voller Kompromisse und so habe ich mich für die feministische Variante entschieden. Die Mädels haben das mit der Hackordnung ziemlich schnell klar gemacht. Es gibt ein Chef-Huhn – sehr dick, prächtig und stolz und sehr fies. Die üblichen Mitläuferinnen. Und ein armes, kleines Hühnchen, was von jeder gedisst wird. Auch in unserem Öko-Stall gibt es die natürliche Ordnung.

Da waren es nur noch fünf

Hühner können nicht fliegen! Pah – ein übles Gerücht. Unsere können das very well. Was ein Problem war, denn unsere freilaufenden Hippie-Damen sind ja sensible Fluchttiere mit schlechtem Nervenkostüm. Und so begab es sich, dass der Hüte-Hund doch mal einen Sprint antäuschte und eine Dame, die sich zur Meditation auf den Kompost zurück gezogen hatte derart erschreckte, dass es beim Runterfliegen leider auf der anderen Seite der Garten-Mauer landete. Was soll ich sagen. Es war das Ende. Denn in dem parkähnlichen Anwesen nutzte alles Locken und Einkreisen nichts. Zuerst verloren wir das Spiel, dann das Huhn sein Leben. Zwei Tage später lag es tot im Knick.

Hinter Gittern

Durch diesen Vorfall entwickelte ich eine leichte Verhaltensstörung, weil ich den ganzen Tag meine Hühnerschar durchzählte. 2-4-5, 2-4-5. Und das Hühner wahrlich schlaue Wesen sind, durften wir täglich erleben. Mmmh, die Nachbarn haben auch leckere Kräuter – Mädels – alle ausbüxen. Und so fand sich die versammelte Familie in leichter Nachtbekleidung nicht nur einmal unter den Augen der grinsenden Nachbarschaft im Untergehölz umher kriechend wieder, um die Flüchtlinge wieder einzufangen. Auch die Hühner hatten eine Verhaltensstörung entwickelt: bulemische Fressattacken – allerdings ohne Spucken. Das vollständige, hemmungslose Abfressen sämtliche Gartenkräuter, Rosen, Efeu, Buchsbaum etc. ließ mich fassungslos zurück. Wie eine batteriebetriebene Horde Heuschrecken verwandelten fünf Federbälle meinen schönen Nutzgarten in eine Stummel-Landschaft – wie nach einer Napalm-Attacke. Damit nicht genug. Wer viel frisst, muss auch viel. Diesem Treiben musste ich Einhalt gebieten. Das einzige Mittel der Wahl: lebenslange Haftstrafen. Sie bekamen ein großes Stück eigenes Land – mit im Laufe der Zeit immer höheren Zäunen. Die Lieblingsbeschäftigungen von Hühnern sind das Scharren und Fressen. Bis auf die veritablen Fraßschäden fiel das Scharren nicht negativ zu Buche in unserem riesigen Garten. Auf einem abgezäunten Terrain sehr wohl: Innerhalb von einer Woche verwandelte sich der einst saftige Rasen in einen braunen mit Kratern versehenen Acker. Ich wünschte ihnen eigentlich die Freiheit, aber … Wir entschädigen sie mit Kräuterbündeln, Totholz voller Insekten und ihren geliebten Weintrauben.

Man möchte Mutter werden

Irgendwann lässt das aufgeregte Hühner-Watching ja ein bisschen nach. Und so dauerte es etwas, bis uns klar wurde, dass eine Dame stur und stumpf im Legenest hocken blieb. Die anderen Damen empörten sich lautstark. Weil aus den Separees war längst ein offenes Legenest geworden und das war nun dauerbelegt. Das Huhn denkt, es könnte Babys haben. Kann es aber nicht, denn ohne Mann keine Befruchtung – ergo ohne Hahn keine Küken. Aber man will es doch so dringend. Wenn man es also lassen würde, bliebe es bis zum Sanktnimmerleins-Tag hocken. Bis dahin wusste ich nicht, wie stur und beratungsresistent Hühner sein können. Es begann ein Kampf Huhn gegen Mensch. Ich kann es gleich zugeben. Irgendwie hat das Huhn gewonnen. Wer den lieben langen Tag auf seinen Beinen sitzt, bekommt bald Krampfadern, Kreislauf, eingeschlafene Füße, Magersucht und viele andere Probleme – das ist bei Hühnern wie bei Menschen so. Also mussten wir das Huhn vom Hocken abhalten. Zunächst schenkten wir ihm zur Ablenkung die Freiheit. Den ganzen Tag durch den Garten chillen. Fressen, was man mag, Staubbad im kleinen Wäldchen – ach das Leben kann so schön sein. Aber wer gluckt, ist wie auf Droge – beziehungsweise wie auf Entzug. Wo ist der Stoff – mein Nest – ich will Küken. Gefühlt 524.000 Mal habe ich dieses Huhn aus dem Nest geholt. Denn die anderen Damen wollten ja auch legen. Und neeeiiin das angebotene Ersatz-Lager wurde verschmäht. Zur Not türmte man sich lieber dreistöckig übereinander und beklagte den Turmbau zu Huhn mit lautestem Protest. Wie soll ein Mensch so arbeiten können? Das war dem Huhn recht egal – es gluckte und fand immer wieder einen Weg ins Nest, obwohl wir den Stall mittlerweile wie Fort Knox gesichert hatten. Fasziniert und genervt schauten wir zu, wie unser Chef-Huhn zur Hochspringerin mutierte und jede, aber auch wirklich jede Hürde überwand. Es konnte nicht sein, aber immer fand das Ding einen Weg ins Nest. Ich war am Ende meiner Weisheit. Und dennoch konnten wir uns mit der durchaus üblichen Methode „Huhn in Sack – Sack in Wasser tauchen – Sack drei Tage in Keller hängen“ gar nicht anfreunden. Wir sind den Weg des Leidens mit der trauernden Mutter bis zum Schluss gegangen. Eines schönen Tages war sie wieder klar im Kopf.

Suppenhuhn?

Unser Rasse ist ein sogenanntes Zwie-Huhn – Eier und Fleisch. Aber wirklich. Was tun, wenn es sich ausgelegt hat? Wenn der Sonntagsbraten fehlt? Also frischer geht’s ja eigentlich nicht. Und man weiß ja auch, dass das Volk ein gutes Leben hatte und was es zu sich genommen hat … In meinem allerliebsten Hühnerfachbuch wird auch dieser grausige Akt beschrieben. Wir könnten das blutige Werk auch in fachliche Hände eines geschulten Hühner-Mörders geben. Und wir aßen wirklich gern Geflügel – aber doch nicht dies. Nein, nein. Unmöglich. Habt keine Angst meine kleinen Feder-Freundinnen – dieser Weg wird nicht der Eure sein.

Dann lieber kein Ei

Mit all dem Wissen und den Blick auf meine lustige Hühnerschar , ist die Rückschau in konventionelle Ställe um so gruseliger. Das herkömmliche Hybrid-Lege-Huhn hat ein erbärmliches Dasein. Es wird mittels Chemie und Kraftfutter zu Hochleistungs-Lege-Maschinen herangezüchtet. Es sieht kein einziges Mal Tageslicht, geschweige denn atmet es Frischluft. Die männlichen Küken werden gleich geschreddert oder vergast – weil nutzlos. Masthühner werden nicht mal sechs Wochen alt. Die Haltungsbedingungen sind unter aller Würde – auch in der Bodenhaltung. Die Freude an unseren Hühnern, der unvergleichliche Geschmack der Eier, die Frische, die Farbe – darauf möchte man nicht mehr verzichten. Und außerdem sind unsere Mädels mittlerweile doch Mütter geworden – davon erzählen wir im nächsten „Hühnerkram“!

Text & Fotos: Alexandra Brosowski

Buchtipp:  Hühner halten im Garten Der Weg zum eigenen Bio-Ei    BLV Verlag

Suzie Baldwin
144 Seiten , 118 Farbfotos , 19 Zeichnungen, 16,99 €
ISBN: 978-3-8354-1515-7


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2 Kommentare

  1. Außerordentlich liebe und „gluckige“ Hühnermutti mit ihren sehr humorvollen Geschichten.
    Hühner sind ja Haustiere, jedoch doch auch Nutztiere….meine Liebe !

    • Alexandra Brosowski

      Ja ganz lieben Dank. Da freut sich die gluckige Hühnermutti! 🙂
      Nu fangen sie auch gerade wieder an, ordentlich zu legen. Ach, die Hühner sind toll.
      Ich habe das nie bereut! Lieben Gruß

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