Familienbande

Familienbande

Seit über 25 Jahren forscht Roman Gossen nach dem Ursprung seiner weltweit verzweigten Familie. Das Ergebnis hängt auf einer vier Meter breiten Plane in seiner Garage.

Roman Gossen ist ein Detektiv – er verdient damit nicht seinen Lebensunterhalt, aber er fahndet nach seinen Wurzeln. Das Ergebnis seiner über 20jährigen Detektivarbeit hängt bei ihm in der Garage. Warum dort und nicht woanders? Weil es im Haus keine Wand gegeben hätte, auf der die vier Meter breite Plane Platz gefunden hätte. Wenn er morgens zur Arbeit fährt fällt sein Blick immer auf seine Familiengeschichte: Der Stammbaum der Familie Gossen. Diesen weit verzweigten Weg hat er zurück verfolgt bis ins Jahr 1495.
1977 wurde der kleine Roman geboren – und zwar in Tscheljabinsk, einer großen Metropole am Uralgebirge. Berühmt wurde der Ort 2013 durch einen spektakulären Meteoriteneinschlag mit etwa 1500 Verletzten und 3700 zerstörten Gebäuden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Roman Gossen wurde mitten in der sogenannten „Schmiede Russlands“ geboren. Hier befinden sich einige der größten Werke der russischen Metall- und Stahlindustrie sowie bedeutende Anlagen der Atom- und Militärindustrie. Zudem ist die Gegend reich an begehrten Bodenschätzen. Das Durchschnittseinkommen liegt heute bei etwa 500 Euro monatlich. 1977 war es wesentlich weniger. In Russland geboren, aber Russe ist er nicht, sondern deutschstämmig. Er gehörte mit seiner Familie zur der großen Gruppe der „Russlanddeutschen“, im Behördenumgang Spätaussiedler genannt. Viele Generationen zuvor waren die Vorfahren aus Baden-Württemberg nach Russland ausgewandert. Und dann wagte seine Familie den Schritt zurück. Über Stuttgart, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Wendtorf bei Hamburg hat er schließlich seit sieben Jahren in Boostedt neue Wurzeln geschlagen.

„Als deutschstämmige Aussiedler mussten wir um die nötigen Papiere zu bekommen, unsere Vorfahren nachweisen. Das gab den Impuls, sich tiefer in das Thema Ahnenforschung einzuarbeiten“, erinnert der 38-Jährige sich an die Anfänge. Seiner Spurensuche. „Das hatte mich sehr berührt.“ Einen Anfang finden – gar nicht so leicht. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten und Darstellungsweisen wie beispielsweise Stammbaum, Ahnentafel oder Chronik. Die Systematik bringt Durchblick in den Dschungel. Ein, zwei Generationen zurückzublicken. Das können die meisten leicht. Dann wird es schon schwieriger. Dank des Internets ist die weltweite Suche deutlich einfacher geworden. Befragung der Verwandten, Zusammentragen der Dokumente und Informationen, Kirchenbücher, Standesämter, Genealogie-Plattformen im Internet. So kann es funktionieren.

Verheiratet ist Roman Gossen mit Katharina. Die beiden drückten schon gemeinsam die Schulbank. Katharina ist waschechte Russin. Ihre Kinder wurden beide in Deutschland geboren. Und zwar 2003 und 2005. Sie bilden auch den Anfang der Ahnentafel. Ganz unten rechts auf der Plane. Weit verzweigen sich immer mehr Äste und Zweige nach links. Das Ergebnis jahrzehntelanger Suche. Katharina Seite ist eher übersichtlich. Das liegt aber nicht daran, dass diese Wurzeln nicht spannend während. Es würde schlicht den Rahmen sprengen. Die Verwandtschaft ist klein und hat wenige Wanderbewegungen. Roman hatte schon eine große Aufgabe, die Wurzeln seiner weitverzweigten Familie zu finden.

Meine Töchter sollen ihre Geschichte kennen

Mit Blick auf die Plane sieht Roman Gossen heute, dass 1817 die Weichen seiner eigenen Biographie eine entscheidende Wende genommen hat. Der am 22. April 1777 in Beuren, Baden-Württemberg, geborene Georg Adam Krohmer, entschloss sich zur Auswanderung nach Russland. Und veränderte so massgeblich die Biographien seiner Nachfahren. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Aber der Name Krohmer sollte sich als Schlüssel erweisen. Zwei Jahre nach seiner Einreise nach Deutschland gab es ein Ahnentreffen der Krohmers in Süddeutschland. Ein Verwandter hatte bereits fleißig vorgearbeitet. Einen Teil seiner Forschung konnte Roman für seine Forschung übernehmen.

Ahnenforschung ist spannend, aber auch sehr mühselig. Man braucht einen langen Atem, denn je weiter es nach hinten geht, um so schwieriger wird die Suche. Man darf nicht vergessen, dass in früheren Zeiten das Schreiben, Melderegister, Papiere, Fotos einfach nicht möglich waren. Man muss extrem um die Ecke denken können, um Zusammenhänge zu erfassen und sich neue Quellen zu erschließen. Schreibweisen von Namen werden bei Übertragungen verändert. Auch der Boostedter hat solche Veränderungen gefunden: Aus Goossen wurde Gossen, aus Dyck Dück oder aus Krohmer Kromer.

Manchmal liegt die Suche Jahre brach, weil man einfach nicht weiter kommt. Auch Roman Gossen kennt solche Phasen. „Mit dem Internet wurde die Trefferquote um ein vielfaches höher. Man freut sich wie ein Schneekönig, wenn ein einer verzwickten Stelle wieder ein Durchbruch gelungen ist!“ Die größte Überraschung auf dem langen Weg war die Erkenntnis, dass Verwandt nach Amerika ausgewandert sind. „Man lernt nicht nur die eigene Geschichte, sondern auch das ganze Drumherum“, erklärt er. „Welche Zustände herrschten, was haben sie gearbeitet, wie gelebt, wie war die politische Lage? Auch damit beschäftigt man sich.“ Und man findet so manche Erklärung, warum sich bestimmte Rituale, Dialekte, Traditionen oder Lieblingsgerichte in der Familie erhalten haben. „Meine Mutter hat bis heute einen schwäbischen Einschlag in der Sprache“, schmunzelt Roman. Mit Blick auf die Herkunft weiß er warum.

An dieser Wand erfahren auch Besucher auf einen Blick spannende Dinge über Wanderbewegungen. Sie regt zum Nachdenken an. Wie Familienstämme über mehrere Generationen hinweg, sich in unterschiedliche Länder bewegen. Solche Biographien gibt es viele. Nur die wenigsten haben sie so bewusst vor Augen. Woher kommen meine Wurzeln? Wie viele Menschen in Neumünster und Umgebung haben nicht ihre Wurzeln hier? Nur die Wenigsten sind waschechte Schleswig-Holsteiner. Und selbst die, die es glauben zu sein, haben Vorfahren von auswärts.

Kriege, Not, Vertreibung, Armut und auch die Lust auf Veränderung und Abenteuer sind die häufigsten Ursachen, sein Glück oder Heil in der Ferne zu suchen. Auch von Schleswig-Holstein aus gab es große Auswanderungswellen in die Ferne. Gerade vor dem Hintergrund der derzeitigen politischen Lage mit vielen Brandherden weltweit, lohnt es sich einen Blick auf die eigenen Familiengeschichte zu werfen. Niemals war die Zahl der Flüchtlinge größer, die gerade Zuflucht und Schutz bei in Deutschland suchen. Just in der Nachbarschaft von Roman Gossen in Boostedt ist Flüchtlingslager entstanden. Niemand verlässt grundlos seine Heimat. Wie mögen sich all die Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg gefühlt haben, als sie mittellos hier ankamen? Gab es eine Willkommenskultur? Fühlten Sie sich willkommen? Und sind diese heute nach den eigenen Erfahrungen in der Lage, Flüchtlinge mit offenen Armen zu empfangen? Darüber diskutiert gerade die Gesellschaft. Viele, die sich in Angst gegen die Flüchtlinge stellen, haben vergessen, dass ihre Wurzeln woanders liegen.

„Ich bin Deutscher, ich fühle mich daheim!“ Das ist das Fazit von Roman Gossen. Und mit einem Blick auf die Plane und auf seine Kinder sieht man auch warum. All seine Arbeit ist seinen Töchtern Linda und Vita gewidmet. „Sie sollen ihre Geschichte kennen!“

 

Spurensuche

Ahnenforschung, auch Genealogie genannt, hat einen hohen Suchtfaktor, aber offenbart auch interessante aus der eigenen Biographie. Hier eine Auswahl an nützlichen Internet-Seiten. Es gibt noch viele weitere.

www.ancestry.de
www.kirchenportal.de

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