Ententanz mit Gott

Leo liebt es leise und sanft. Heinz ist eher so ein rockiger Typ. Monika ist voll dabei, auch wenn sie ganz still sitzt. Und Hilde weint vor Freude. Es ist Donnerstag, ihr geliebter Donnerstag. Am Donnerstag kommt Birgit. Und das schon seit fünf Jahren. Birgit hat die Musik mitgebracht – und das Tanzen! Die Musikanlage, die Tanzfläche und eine flotte Tanzlehrerin – auf den ersten Blick sieht es aus wie eine ganz normale Tanzstunde. Aber die Schüler von Birgit Prasse sind besondere Menschen, die an einem besonderen Ort wohnen. Sie leben in der DRK-Fachklinik Hahnknüll im schleswig-holsteinischen Neumünster. Menschen mit schweren geistigen und körperlichen Einschränkungen, psychischen Erkrankungen oder auch Alzheimer-Patienten. Für sie ist es mehr als eine Tanzstunde.

Jeden Donnerstag macht sich gegen 15.20 Uhr eine ganz besondere Karawane auf den Weg ins Haus 4. Von überall her kommen die Bewohner aus ihren Bereichen, um ja auch nicht nur eine Minute zu verpassen. Einige sitzen im Rollstuhl, andere schieben ihren Rollator. Manche gehen an der Hand ihrer Pflegerin, einige kommen allein. Wie soll das gehen?, fragt man sich als Beobachter. Viele der Bewohner haben sichtbar viele Einschränkungen. Manche wirken völlig bewegungsunfähig. Alleine das Ankommen, das Platzierung von wuchtigen Rollstühlen und das Sortieren zu einem Stuhlkreis nimmt viel Zeit und noch mehr helfende Hände in Anspruch. Und dennoch ist da gleich so eine erwartungsvolle, aufgeregte, Atmosphäre im Raum. Einige können es kaum noch erwarten und rufen vorsichtshalber schon mal ein paar Wunschtitel in die Runde.

Die Hits von den Beatles öffnen Erinnerungsfenster.

Kaum hat Birgit Prasse die Eröffnungsworte gesprochen und die ersten Töne erklingen, geht auch schon die Post ab. „Wir sind noch recht faul und sitzen im Kreis, doch mit unserem Tanzkurs da wird uns noch heiß!“ Spätestens beim „Holladihi und Holladiho! Ist kein Halten mehr. Ein Summen, ein Klatschen, ein Jauchzen und die Ersten reißt es von den Stühlen – wenn möglich. Die Rollstühle geraten in Bewegung. Wie eine Welle schwappt es durch den Raum. Wer draußen an den von Schwitzwasser beschlagenen Scheiben vorbei geht, wähnt eine fette Party dahinter. Ist man mittendrin, muss man Wippen und Summen.

„Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür!“ Marianne Rosenberg hat sich auch in die Herzen der Schwerstbehinderten gesungen. „Herzilein, Du musst nicht traurig sein“, „Ein Stern, der Deinen Namen trägt!“ Die Gassenhauer sind dieselben wie auf jeder anderen Schlagerparty. Musik kennt keine Unterscheidung zwischen gesund und krank. Aber an diesem Ort bedeutet sie doch viel mehr. Spätestens bei ganz bestimmten Oldies regt sich auch bei vielen Demenz-Patienten etwas im Gemüt und in der Seele. Ganz erstaunlich. Einige wissen nicht mehr wie sie heißen oder wo sie sind. Aber die Hits von den den Beatles oder Elvis öffnen kleine Erinnerungsfenster. Das ganz besondere Gefühl ist für einen kleinen Moment in ihre ganz eigene Welt zurück gekehrt. Sie erinnern sich an das wohlige Gefühl der Leichtigkeit und des Glücks. Was für ein Geschenk!

Gott ist definitiv ein Traumtänzer.

„Gestatteten, ich bin Gott!“ Gott ist definitiv ein Traumtänzer. Er ist voll bei der Sache. Am Liebsten mag er den Ententanz. Gott, der in einem anderen Leben mal ein Horst war, blüht hier auf und lässt keinen Tanz aus. Auch bei den Sitzaktionen hält es ihn kaum auf dem Stuhl. Maria dagegen liebt die Musikanlage heiß und innig. Ihr kann es gar nicht laut genug sein. Ganz dicht ist sie mit ihrem Ohr am Lautsprecher, sie wippt im Rhythmus und schreit voller Inbrunst in die Box.

Für die helfenden Hände sind die zwei Stunden auch Schwerstarbeit. Damit alle zu ihrem Recht kommen, bewegen sie die Rollstühle, trösten, wenn die Emotionen zu hoch kochen und stehen bei den Bewegungsunfähigen. Nach 30 Minuten sind alle Köpfe rot. „Brauchen wir einen Tanzschnaps?“ Birgit Prasses Frage löst erneute Begeisterung aus. Der Tanzschnaps, der ein Glas Wasser ist, kühlt die Gemüter ab. Nicht aber die Stimmung. Die tanzwütige Meute will nichts verpassen und fordert jetzt in Sprechchören ihren geliebten Ententanz.

Birgit Prasse hat schon viele zum Tanzen gebracht. Schließlich ist das nicht nur ihr Beruf, sondern Berufung. Seit über 44 Jahren führt sie ihre eigene Tanzschule und hat Generationen von Teenagern die Grundschritte eingebimst. Pickelige Pubertisten, Tanzmuffel mit zwei linken Füssen – sie ist schwieriges Tanzvolk gewöhnt. Die Arbeit mit Menschen, die ein Handicap haben, liegt ihr besonders am Herzen. Viele Gruppen kommen seit Jahren zu ihr in die Tanzschule. Aber die Gruppe im Hahnknüll ist schon noch eine besondere Herausforderung, allein durch die Vielfalt und die Schwere der Erkrankungen. „Ich hatte gehörigen Respekt“, erinnert sich die 68-Jährige. „Und es hat auch gedauert, bis ich begriffen habe, dass es nicht die Aufgabe ist, ihnen etwas Konkretes beizubringen. Das können sie einfach nicht. Aber sie haben eine so große Freude und es bedeutet ihnen so viel!“

Ihre Tänzer im Hahnknüll machen keine Abzeichen, keinen Fortgeschrittenenkurs. Sie werden sich niemals die Grundschritte einer Tanzart merken können, aber sie lernen eine ganze Menge. Wir lernen eine Menge. Was mag es bedeuten für jemanden, der fast bewegungsunfähig an den Rollstuhl gebunden an einer schwungvollen Tanzstunde teilnimmt? Was sagt die Musik dem Menschen, der in seiner ganz eigenen Welt lebt? Auf der Tanzfläche bekommen wir die Antworten. Wir sehen ein Lächeln, ein sanftes Wiegen, die volle Freude bis hin zu Ekstase, einen träumerischen Blick, ein Summen, ein Entzücken und manchmal nur einen kleinen Finger, der im Takt der Musik tippt. Es ist die Musik, die die Seele erreicht und das Herz zum Schwingen bringt. Ganz tief drinnen.

Info: Die Namen der Bewohner habe ich verändert. Die schönen Fotos hat Michael Ermel gemacht http://www.ermelfoto.de. Die Angehörigen haben die Zustimmung für die Veröffentlichung gegeben.

6 Kommentare

  1. Margret Honermeier

    Danke Alexandra, für den zu Herzen gehenden Beitrag und herzlichen Glückwunsch zu den über 8.800 Besuchern.
    Ihr habt sicher ein schönes Schreibwochenende, ich habe immer an euch gedacht. Viel Spaß noch, liebe Grüße und eine gute Heimfahrt
    Margret

    • Alexandra Brosowski

      Liebe Margret,
      hab vielen Dank für Deine lieben Worte! Die bestärken mich, meinen Weg weiter zu verfolgen! :-). Das Wort-Wochenende war wieder sehr intensiv und wunderbar! Ich habe das Glück, immer die besten Teilnehmerinnen zu haben! Ein Geschenk! Und nein, unseren Kuchen habe ich nicht vergessen! Das holen wir nach! Liebe Grüße Alexandra

  2. Eine wunderbare Geschichte. Jeder der solche Momente erleben darf, ist reich beschenkt. Kein Geld der Welt kann das begleichen was man bei solchen Begegnungen von seinem Gegenüber gefühlsmäßig zurück bekommt.Und schön, dass du es so empfunden und vor allem auch hier an uns weiter gegeben hast.

    • Alexandra Brosowski

      Liebe Anja,
      herzlichen Dank für diese Worte! Es war eine besondere Reportage, die mir auch ans Herz gegangen ist. Das Thema Lebensfreude und Lebensqualität für Menschen mit schweren Behinderungen halte ich für sehr wichtig, um Berührungsängste abzubauen. Es ist erschreckend, mit welchen Hindernissen Eltern von behinderten Kindern bis heute kämpfen. Also bleibe ich dran am Thema! Aber ich danke auch noch mal Birgit Prasse an diese Stelle und dem gesamten Team vom Hahnknüll, die ja die wirkliche Arbeit machen!

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