Neue Heimat

Goodbye Neumünster….welcome Neuseeland

Das ist die Geschichte einer Familie, die glücklich in Neumünster war und dennoch auszog, um am anderen Ende der Welt ein neues Leben zu finden.

Umzug: Wohnung suchen, besichtigen, Ausmisten, Kisten packen, sauber machen, renovieren, Freunde bestellen, Wagen organisieren, beladen, Brötchen schmieren, Rückenschmerzen. Die meisten kennen das Prozedere und fürchten es. Viele wechseln das Zuhause nur innerhalb einer Stadt. Manche wechseln das Bundesland. Aber was bedeutet ein Umzug, wenn der neue Wohnort einmal um die halbe Welt geht? Dann bekommt das Projekt eine ganz andere Überschrift: Auswandern! Sabine Kalinowsky (53), Ehemann Dirk Grobler (50) und Sohn Ben (15) haben es gewagt. Seit zwei Jahren ist ihre neue Heimat die Millionenmetropole Auckland in Neuseeland. Genau 17.771 Kilometer von Neumünster entfernt.

Rückblick: 2013. Ein lauer Sommerabend irgendwo auf einem schönen Campingplatz in Italien. Urlaub, Sonne, Familie – die Arbeit weit weg. Das änderte sich für Dirk Grober als er per Videokonferenz von der Auflösung seiner Abteilung in einem amerikanischen IT-Unternehmen mit Sitz in Hamburg erfuhr. Für ihn kam die Nachricht nicht ganz überraschend. Die schnelllebige Internetbranche hat ganz eigene Gesetze. Seine lange Betriebszugehörigkeit und sein deutscher Arbeitsvertrag schützten Dirk Grober vor dem Schlimmsten und verschafft ihm Zeit, um über Alternativen nachzudenken. Sehr lange arbeitet der Softwareentwickler international und ist mit den unterschiedlichen Arbeitsmethoden in seiner Branche vertraut. Diese Welt ist schon speziell. Konferenzen werden per Bildschirm abgehalten.

Das heißt auch ein Arbeitsleben aus dem Koffer mit vielen Flugstunden. Klingt nach Unruhe oder Abenteuer – je nach Standpunkt. „Ich bin zweigeteilt“, meint Dirk Grobler. „Ein Teil von mir ist ein Entdecker und der andere braucht eine stabile Basis – und das ist meine Familie.“ Nach fast zwei Jahrzehnten nicht mehr zu pendeln, sondern einen spannenden Arbeitsplatz mit dem Familienleben zu kombinieren, auch das war ein Impuls zum Abenteuer Neuanfang.

Das Ende und ein Anfang. Denn im gleichen Urlaub tauchten die ersten Gedanken von Neuanfang auf. Der lange gehegte Wunsch nach einer Weltreise wurde wieder präsent. Die Idee festigte sich und nahm in den folgenden Monaten der Jobabwicklung Gestalt an. Gute IT-Entwickler sind weltweit gefragter denn je. Kein Grund zur Sorge also, sondern lieber schauen, wohin das neue Leben gehen soll. Lange Zeit stand Irland ganz oben auf der Zielliste. Doch es sollte anders kommen.

Die Vorspräche mit Neuseeland liefen an. Insgesamt dauerte das gesamte Verfahren vom ersten Gespräch bis zur endgültigen Zusage fast ein Jahr. In vielen Skype-Konferenzen stellte sich Dirk Grober nicht nur den zukünftigen Chefs vor, sondern wie in Neuseeland üblich, auch seinen neuen Kollegen. Es folgte eine erste persönliche Begegnung und eine zweite sehr lange Anfahrt – ein über 30stündiger Flug – gemeinsam mit Ehefrau Sabine, damit sie zumindest mal ein Gefühl für die eventuelle neue Heimat bekommen konnte.

Nach 17 Jahren als Stadtplanerin bei der Stadt Neumünster waren auch ihre Gefühle gespalten. „Das ist ein langer Prozess, eine Achterbahnfahrt an Anspannung, Freude und Traurigkeit zugleich“, erinnert sie sich an die langen Monate der Vorbereitung. „Es ist ja lange nichts sicher. Man darf nicht vorher schon durchdrehen, sondern der Alltag muss ja auch für Ben ganz normal weitergehen.“ Und irgendwann war er da der Tag X. Die Entscheidung und die Unterschrift auf dem Arbeitsvertrag. Und damit auch die Klarheit – es geht los! Die nächste Phase der Planung konnte beginnen. Und daran war nun die ganze Familie intensiv beteiligt, denn auswandern ist ein richtig großes, teures Paket – und hat wenig mit dem zu tun, was man im Fernsehen an gescheiterten Neuanfängen bestaunen kann.

Neuseeland ist eines der Traumziele für Einwanderer, daher ist das Prozedere eisenhart limitiert. Nur unter bestimmten Bedingungen darf man ins Land. Dirk Grober hat einen neuseeländischen Arbeitsvertrag. „Das ist ein Wohlfühlpaket“, weiß er, denn es ermöglicht auch Sabine für die nächsten zwei Jahre die Möglichkeit zu arbeiten. Das ist eine Variante. Und dennoch mussten sich auch die anderen Familienmitglieder erst qualifizieren. Große Gesundheitstests, Sprach- und Leumundprüfungen. Beantragt wurde auch ein Visum für Tochter Lea. Die 25-Jährige will zwar weiter in Berlin studieren, aber sollte jederzeit die Möglichkeit haben, ihre Entscheidung zu ändern. Vieles gilt es auf dem Ritt durch die Paragraphen zu beachten. Dabei helfen professionelle Immigrationsberater.

Spezieller großer Gesundheitscheck in Berlin, Sprachprüfungen, Impfungen, Übersetzungen aller wichtiger Dokumente, Umzugsunternehmen, Überseecontainer. Allein der schlägt schon mit 7000, Euro zu Buche. Etwa 20.000 Euro stehen wohl in der Bilanzsumme des Abenteuers Auswanderung. Sehr praktisch, dass die Umzugskosten vom neuen Arbeitgeber getragen wurden.

Neuseeland ist ein Sachen Auswandern ein Statement und ziemlich kompromisslos. Der Weg ist einfach so weit und die Flüge sehr teuer, dass da wenig Spielraum für Heimweh ist. Vor- und Nachteile hat es. Die Besucher werden sich in Grenzen halten. 32 Stunden Flug ab im günstigsten Fall 800 Euro ist nicht für alle was. Es hat auch etwas sehr endgültiges. Man muss sich darauf einlassen, manche Menschen, die man liebgewonnen hat, vielleicht/wahrscheinlich nie wieder zu sehen. Das ist ein Teil der Realität. Und so kommt auch der Punkt, es seinen Verwandten und Freunden mitzuteilen. Von Entsetzen über Freude, Traurigkeit, Unverständnis war die ganze emotionale Bandbreite vertreten. „Schwer war es natürlich für die Eltern“, erinnert sich Sabine Kalinwosky an diese besonderen Momente. Auch ihr fällt es nicht leicht darüber zu sprechen. Ihre Eltern werden altersbedingt den langen Flug nicht machen können. Ihre Mutter ist 89. „Ihr habt es doch so schön, wie könnt ihr das aufgeben?“ fragen sich Freunde und Verwandte. Eine der wichtigsten Maßnahmen war daher die Technik-Schulung der Zurückgebliebenen. Dank Skype kann man sich auch über 18.000 Kilometer anschauen, Gefühle und Dinge zeigen.

Wie wichtig dieses Medium werden wird, zeigte sich bereits in der Vorbereitung. Hausbesichtigung? Über diese Distanz natürlich etwas anders. „Eine Kollegin war so nett und hat unser favorisiertes Haus, dass wir Online ausgesucht hatten, per Tablett und Skype mit uns so zusagen live besichtigt.“ Ein virtueller Rundgang.

Doch zunächst einmal musste das alte Zuhause „abgewickelt“ werden. Ausmisten und Listen erstellen heißt die Parole. Schließlich hat der Umzugscontainer nur begrenzt Platz und alle muss akribisch für Zoll- und Versicherung erfasst werden. Alles planen, packen, verkaufen und verschenken zielt auf den einen besondern Tag: Wenn der Container kommt. Sabine Kalinowsky hat wenig geschlafen. Der Kopf drückt und das Herz tut wohl weh vom dauernden Abschied nehmen. Und dabei ist jetzt der Tag, der alle Kraft fordert:

Der Container ist da! Der Container, in dem ihr kompletter – wenn auch reduzierter Hausstand Platz finden soll. 70 große und 30 kleine Kartons müssen gefühlt werden.Das große Packen. Die fünf Männer vom internationalen Umzugsunternehmen strahlen buddhistische Ruhe aus. Das ist gut, denn ansonsten liegen die Nerven blank. Mit geübten Griffen wird jedes, aber auch wirklich jedes Möbelstück wahlweise in Noppenfolie oder Packpapier umwickelt. „Geht noch was rein?“ Ist wohl die am häufigsten gestellte Frage des Tages. Gegen 14 Uhr ist es geschafft. Tür zu, Plombe dran, versiegelt und der Hausstand der Familie Grobler/Kalinowsky macht sich schon mal vorab auf seine abenteuerliche sechswöchige Reise über die Weltmeere. Die Stimmung ist feierlich, melancholisch, erschöpft. Das Abenteuer wird wieder ein großes Stück wirklich.

Im ganzen Chaos und der Melancholie gibt es einen strahlenden Fels. Sohn Ben, der sich einfach nur auf das große Abenteuer freut. „Klar werde ich meine Freunde, meine Musicalklasse und mehr vermissen. Aber ich bin auch schon sehr gespannt auf das neue Leben mit Sonne und Strand.“ Dirk macht sich als Erster auf den Weg über die Ozeane. Erst sechs Wochen später folgten Sabine und Ben. Eine wahnsinnige Zeit liegt hinter der Familie. Sie sehnen sich jetzt auch nach Beisammensein, Ruhe, Alltag und Neuanfang.

Nachtrag:

Nun ist einige Zeit vergangen und die Kalinowskys sind im Alltag angekommen. Der virtuelle Rundgang hat sich dann letztendlich doch nicht als so praktisch entpuppt. Das erste Haus in Auckland hatte diverse Mängel. Es regnete rein und war kalt und stand spontan zum Kauf. Die gerade ausgepackten Kisten mussten also wieder eingepackt werden. Überhaupt fühlt sich die Suche vor Ort nach einem neuen Lebensmittelpunkt doch anders an. Das Trio hat noch mal die Gegend, das Haus und die Schule gewechselt und fühlen sich nun richtig. Heimweh? Bisher Fehlanzeige. Das neue Leben bietet zuviel Abenteuer.

My Home is, where my heart ist. Mein Zuhause ist da, wo mein Herz ist. Heimat, Zuhause – das ist für jeden etwas anderes. Für Sabine, Dirk und Ben ist das jetzt Neuseeland.

Gut zu wissen: Bei dieser wundervollen Geschichte war mir das Journalistenglück hold. Eine Auswanderung dieser Dimension dauert viele Monate in der Vorbereitung und ist was sehr Persönliches. Wir kannten uns schon länger über unsere Kinder. Aber gerade wenn man jemanden kennt, ist es nicht einfacher, über ihn zu schreiben. Daher habe ich mich besonders gefreut, dass Sabine und Dirk mich an diesem Unternehmen teilhaben lassen. Unser einziger Termin miteinander war am Tag, als der Container kam, um den gesamten Hausstand der Familie aufzunehmen und nach Neuseeland zu verfrachten. Spannend, aufregend, hoch emotional. Der beste Tag für diese Geschichte! Und sie gehört unbedingt zur neuen Luise, weil sie perfekt zum Leitthema „Alles auf Anfang“, passt.

 

 

 

2 Kommentare

  1. Liebe Luise von der Pelzwiese, das sind wirklich ganz besonders schöne Fotos. Vielen Dank!

    • Liebe Simone,
      danke für das Kompliment. Ich durfte an einem sehr besonderen Tag die Familie begleiten. Nach monatelangen Vorbereitungen für die Auswanderung, wurde an diesem Tag der komplette Hausstand in einen Container eingeladen. Sehr emotional, anstrengend und bewegend…Und zeigte für die Familie auch noch mal, dass es nun wirklich heißt, endgültig Abschied zu nehmen.

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