Alles Wurst!

Alles Wurst!

Es geht um die Wurst – und zwar gleich mehrfach. Und letzten Endes geht es um alles. Alles Wurst – oder alles nichts. Daniel Ehlers ist ein mutiger Mann. Das darf man an dieser Stelle schon mal festhalten. Wer heute sein Geld in der Gastronomie verdienen will, muss neben vielen anderen vorteilhaften Eigenschaften Mut mitbringen. Am 19. Dezember 2013 eröffnete er in den Räumen der ehemaligen Kneipe „Esplanade“ in Neumünster die „Wurst-Galerie“. Bahnhof und Innenstadt nicht weit, gutes Thema, optimale Vorbereitung. Und dann kam die Baustelle …
Großbaustelle und viele Currywürste – das könnte die perfekte Paarung sein, um aus einem Jungunternehmer einen sehr glücklichen Menschen mit vollen Taschen zu machen. Aber nicht immer entpuppen sich Dinge so, wie sie auf dem ersten Blick erscheinen. Warum Daniel Ehlers trotzdem ganz glücklich ist, wollen wir hier erzählen.

Der Imbiss-Mann ist Kommunikationsfachwirt am Tresen

Geben wir es zu: Über der Branche der Imbissbetreiber wabern bestimmte Klischees. Auf der Beliebtheitsskala der anzustrebenden Berufe nimmt er gleichzeitig obere und untere Ränge ein. Frei nach dem Motto „Gegessen wird immer“ bis zu „Wer nichts wird, wird Wirt“. Der Frittenbudenbetreiber an sich hat in der Außenwahrnehmung selten einen Studienabschluss, er ist von robuster Art, weibliche Tresenkräfte tragen Kittel, Männer wie Frauen eine blondierte „Vokuhila“-Frisur. Gleichzeitig gelten Imbissbetreiber als Lebenskünstler und psychologisch geschulte Kommunikationsfachwirte.Wir alle haben eine Bude unseres Vertrauens und sind TV-technisch frühzeitlich geprägt von den „Drei Damen am Grill“ oder der Currybude am Rheinufer im Ballauf/Schenk-Tatort. Über den Nährwertgehalt oder den Sinn und Unsinn von Fastfood brauchen wir an dieser Stelle auch keine Diskussion zu eröffnen. Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: An wenigen Stellen ist Deutschland ideologisch als auch kulinarisch so vereint, wie bei Currywurst mit Pommes. Bundesweit immer auf Platz eins in Sachen aushäusiger Mittagstisch.
Dieser Aspekt fand wohl Berücksichtigung beim Gründungsimpuls der „Wurst-Galerie. Frittierfett, scharfe Soßen und viele Stunden stehend hinter einem Tresen gehörten beruflich bisher nicht zum täglichen Repertoire von Daniel Ehlers. Er war ein sitzender Büromensch und arbeitete lange Jahre erfolgreich in der Computerbranche. Grundlage für eine solide Unternehmensgründung sind ein gut sortierter Businessplan, Fünf-Jahres-Wirtschaftlichkeitsanalyse und ein gesundes, finanzielles Polster. An dieser Stelle zahlte sich die Ausbildung des dynamischen jungen Unternehmers aus, denn für den BWL-studierten Diplom-Kaufmann stand die ausgeklügelte Kalkulation an erster Stelle. Damit überzeugte er auch die Banken. Aber lange vorher gab es zwei wichtige Ereignisse: „Ich war schon lange unzufrieden in meinem Job. Es hat etwas gefehlt und ich habe gespürt, dass ich noch einmal etwas ganz Neues machen möchte.“ Schon in jungen Jahren hat er mit Leidenschaft in der Gastronomie gejobbt. Auch bei Daniel Ehlers gab es wohl den berühmten Bierdeckel in launiger Runde. Zunächst noch mit einem Kumpel wurde die Idee mit dem eigenen gastronomischen Betrieb geboren. Doch die beiden jungen Männer hatten jeweils andere Vorstellungen über die Vorgehensweise. Man trennte sich in den Anfängen.

Gute Vorbereitung und gute Qualität der Waren – das sollten die tragenden Säulen des Betriebes werden. Für Currywurst-Fan Daniel Ehlers kam nur eine handwerklich einwandfrei hergestellte Wurst infrage. „Billigware gibt es doch an jeder Ecke. Warum sollte man zu mir kommen und einen etwas höheren Preis für minderwertiges Essen bezahlen?“ Mit der Fleischerei Einfeld in Großharrie hat er seinen Wunschpartner gefunden. Regional, Top-Qualität und einfach lecker. In Kombination mit jeweils wöchentlich wechselnden hausgemachten Soßen in sechs Schärfegraden, einer veganen Variante bietet er ein einmaliges Konzept im Innenstadtbereich. Diesen Anspruch setzte er auch in der Inneneinrichtung seines Ladens fort. Lilafarbene Polsterecken, urige Baumstämme als Tischbeine, moderne Glasplatten – an neonbeleuchtete, gekachelte Imbiss-Stuben-Tristesse erinnert in der Wurst-Galerie nichts. Die ersten Frühstücksbesucher am Morgen riechen nicht einmal das Frittierfett, denn besonders viel Geld hat Ehlers in seine Belüftungsanlage gesteckt.

„Das war schon hart, als hier alles abgesperrt wurde“

Gute Vorbereitung, feierliche Eröffnung und trotzdem passierte der größtmögliche Gau eines Unternehmers: Isolierung durch äußere Umstände. Wurst-Galerie inmitten einer Großbaustelle, 100 Bauarbeiter haben täglich mächtig Kohldampf. Das hat ja gefühlt was von Schlaraffenland. Das Leben könnte großartig sein. Leider nicht, wenn von den 100 Hungrigen 80 aus fremden Ländern kommen und wenig bis gar kein Geld haben, um sich täglich den Luxus einer warmen, fertigen Mahlzeit leisten zu können. Die andere Gruppe ist aus religiösen Gründen vegetarisch geprägt. Hier könnte Herr Ehlers mit einer fleischfreien Variante aushelfen, da kommt Hinderungsgrund eins wieder ins Spiel. „Das war schon hart, als hier alles abgesperrt wurde“, erinnert er sich an die Einrichtung der Bauzäune. „Laufkundschaft Fehlanzeige.“

Wenn er planerisch im Vorwege nicht so gut aufgestellt gewesen wäre, hätte er die Wurst-Galerie noch vor dem ersten Geburtstag dichtmachen können. Der 37-Jährige hat in die Hände gespuckt, die Ärmel hochgekrempelt, hart gearbeitet und stetig an seinem Qualitätsrezept festgehalten. Unterstützt wurde er von Familie und Freunden. So ist Mama Ehlers auch eine tragende Säule bei der Herstellung von köstlichster Hausmannskost, die Freundin hilft bei der Organisation und beim Marketing. 70 Stunden plant, frittiert, bedient, organisiert der emsige Jungunternehmer in der Woche. Mittlerweile hat er zwei feste Aushilfen. Geblieben ist wenig Zeit für Freunde oder Hobbys, wie er bekennt. Anders machen würde er nichts. Er ist glücklich, das Wagnis eingegangen zu sein.

Seine Perspektive hat sich verändert: „Als Angestellter fand ich den Monatsersten immer super. Als Eigentümer, Arbeitgeber und Unternehmer ist das eher der schlimmste Tag – wenn es mal nicht so gut läuft“, lacht er. Seine Zähigkeit und sein Einsatz haben sich bisher ausgezahlt. Was sich anfangs als Katastrophe zeigte, beflügelte ihn bei der Lösungssuche. Nach und nach fanden doch viele Bauarbeiter den Weg zu seinem Imbiss und starten den Tag sogar mit einem Frühstück bei ihm. Joachim Streese, Bauleiter des Einkaufscenter-Parkhauses, höchstselbst kommt gern zur Stärkung vorbei. Aber auch unter den Neumünsteranern spricht sich so langsam die leckere Wurst rum. Mittlerweile kommt auch sein zweites Standbein zum Tragen, denn die Wurst-Galerie richtet auch als Caterer Veranstaltungen aus. Seine „Bau-Nachbarn“ sind so begeistert, dass er das Parkhaus-Richtfest mit einer zünftigen Grillung bereicherte. Er hat ein Wurstmobil gekauft, was bei den Außenterminen eingesetzt wird. Der Weg war steinig, aber zahlt sich wohl aus. Seine kleine Eck-Galerie inmitten einer der größten Baustellen im Lande erinnert so ein bisschen an Asterix in seinem kleinen gallischen Dorf inmitten der Römer. Sein Zaubertrank ist eine Currywurst – scheint zu funktionieren! Welchen wertvollen Tipp hat Daniel Ehlers für zukünftige Jungunternehmer?: „Das wichtigste sind Rücklagen für mindestens ein Jahr. Man muss immer seinen Lebensunterhalt und die laufenden Kosten bestreiten können, denn meistens fließen die ersten Einnahmen sehr langsam oder es kommen unvorhergesehene Ereignisse.“ Spricht, lacht und eilt wieder an die Fritteuse.

Gut zu Wissen:
Currywurst ist Kult
Herta Heuwer ist sozusagen die Currywurst-Mutter. In Berlin-Charlottenberg entwickelte die findige Imbissfrau aus einer gebratenen Brühwurst die künftige Kult-Pelle und reichte sie erstmals am 4. September 1949 über den Tresen. Bundesweit gibt es mehrere Varianten, wie denn eine leckere Currywurst zu sein hat. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise wird Currywurst aus Bratwurst hergestellt, ist also nicht gepökelt und geräuchert, aber kräftiger gewürzt. Bei der Berliner Currywurst gibt es zwei grundlegende Varianten: mit und ohne Darm. Cover Fritten-HumboldtDie zu Anfang ausschließlich verwendeten Würste mit Darm sind gepökelte und leicht geräucherte Brühwürste aus fein gemahlenem Schweine- und teilweise auch Rindfleisch. Der Schleswig-Holsteiner nutzt eher die rote Schinkenwurst mit einer roten Soße und einer ordentlichen Prise Currypulver drüber. Mit Abstand die meisten Wurstmodelle gehen übrigens in den VW-Werkskantinen über den Tisch. Die schlauen Wolfsburger haben eigene Varianten inklusive VW-Soße entwickelt und damit war die Wurst 2012 mit 6,5 Millionen Stück das meistverkaufte Werksprodukt. Alle Geschichten rund um das Erfolgsmodell gibt es mittlerweile im Berliner Currywurstmuseum zu bestaunen.

Das Buch zum Text:
„Der Fritten-Humboldt – meine Reise ins Herz der Imbissbude“ von Jon Flemming Olsen
Für alle, die jetzt Appetit bekommen haben, denen sei das Werk „Fritten-Humboldt – meine Reise ins Herz der Imbissbude“ von Jon Flemming Olsen ans Herz gelegt. Olsen, Musiker, bekannt als Imbisswirt „Ingo“ an der Seite von „Dittsche“ Olli Dietrich in der gleichnamigen Kultkomödie und Gitarrist von „Texas Lightning“ – ebenfalls gemeinsam mit Kumpel Dietrich, hat sich auf eine kulinarische Milieustudie in die Pommesbuden dieser Nation begeben. Sehr kurzweilig, unterhaltsam, witzig gewürzt mit einem Hauch Melancholie. Sehr kurzweilig auch in der Hörversion.

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