Kabel-Kunst

„Never change a running system!“, pflegte stets meine Omma Waltraud zu sagen – allerdings in a etwas anderen Worten mit einem leichten Kohlenpott-Einschlach. Ich vergaß die Worte der lieben Frau Oma und wurde bestraft. Ich hätte es besser wissen müssen, doch wie so viele andere Unbelehrbare bestellte ich einen Telekommunikationsdienst – oder das, was ich dafür gehalten habe – und erlebte fröhliche Stunden mit engagierten Nichtkönnern. Diese kleine Geschichte war die fast die Erste, die ich im Januar auf Facebook veröffentlichte. Ich war Euch immer noch das Foto schuldig. Es wäre auch zu schade, diese kleine Kabel-Installation mit den Maßen 60×60 cm, die seitdem offen und ohne Abdeckung! unsere Wohnzimmerwand ziert – ja sie gehört unbedingt in den Kunstbereich – nicht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

„Wechsle niemals den Telefonanbieter!“ – könnte in seiner Dringlichkeit fast das elfte Gebot werden. Denn begeht man diese Sünde, muss man manchmal schwer büßen. Es begab sich, das das Jungenskind seine Freude dadurch steigerte, indem es sich eine Welt schuf, aus Blöcken, vierkantigen Schweinen und Schwertern. Es teilt diese Leidenschaft mit der halben Welt. Gar eine neue Berufsgruppe ist daraus entstanden. Junge Männer, die anderen jungen Männern zeigt, wie man besser spielt. Doch Minecraft sollte jetzt gar nicht das Thema werden. Das Jungenskind war betrübt, denn es musste seine Internetleitung mit der lieben Frau Mutter teilen. Die ihr tägliches Brot damit erwirbt. Auch zum Aufbau des internationalen Medienkonzerns sollte eine schnellere Leitung her. Von dem Tag an, begann die Mutter sich zu fürchten. Zurecht. Finstere Gesellen kamen ins Haus, getarnt als fröhliche Techniker. Nein sie waren nett – keine Frage. Doch die Angst wuchs, als jene Gesellen in der ausgeräumten Speisekammer vor dem entscheidenden Stromverteilungspunkt standen und rätselten, welche Leitung nun zu kappen sei, um ein Erdungskabel anzuschließen. Ihr alle da draußen kennt es von fiesen Filmen, wenn der Held mit der Kneifzange in der Hand die Welt retten muss, in dem er das passende Kabel kneift. Die Mutter ging dann auch einen Schritt zur Seite und fragte sich, wie Handwerker fliegen und ob sie dann noch unter Strom stehen. Auch das aufgeregte Wispern und mehrfache telefonieren sowie fotografieren mit vermeintlich kompetenten Kollegen, erhöhte nicht das Sicherheitsgefühl – im Gegenteil. Die Mutter fürchtete sich sehr….Nun gibt es eine Pause – ohne Werbung – Lesen Sie dann wie es weiter geht mit den finsteren Gesellen …

11.Gebot 2. Teil

„Bist Du sicher, ist das die Erdung? Oder ist das die Erdung? Alter, ich glaub die Erdung ist dadrüber. Frag doch noch mal den Chef! Alter, ich schick Dir ein Bild. Gib mir mal den Chef, der soll mal gucken, ob das Erdung ist.“

Die Drittmeinung per Fernanalyse scheint den ambitionierten Techniker zum nächsten Schritt ermutigt zu haben. Schwups das scharfe Messer gezückt und eine empfindliche Wunde in das älteste Hauptkabel des Hauses geschnitten. Unser Haus ist von 1934! Wobei – direkt darüber der neue Sicherungskasten mit allen modernen Kabeln … Die Atmosphäre war wohl die bei einer Herz-Op – „Was einen Sie Herr Kollege, ist diese Arterie die Richtige? Das war nur der Anfang und ich schon satt. Huch und da fiel es mir wieder ein, dringende Texte waren noch zu liefern – zumindest so lange noch eine Verbindung zur Außenwelt bestand. Und so hackte ich wie blöd in die Tasten, pflegte das kranke Kind und lauschte dem Kompetenz-Team bei ihrem Treiben. Wir waren ja in einem Raum … und so war es auch nicht zu überhören, als der Toilettendeckel unter dem Gewicht des fröhlichen Kabelgesellen brach. Hoppla – nur noch mal zum technischen Ablauf. Da 1934 keine Leitungskanäle für das World Wide Web, die Telefonie sowie das Fernsehen vorgesehen waren, ergab sich ein abenteuerlicher Weg durch die Gemäuer unseres Hauses: Von der Speisekammer durch die Decke zum Klöchen (isch komm aus Oberhausen, woll) von dort aus durch den kleinen Flur eine Durchbohrung zum Wohnzimmer, quer durch den Saal über die Schiebetür, neuer Durchbruch ins Esszimmer. Keine 3 Stunden später waren 15 Meter Kabel + Kabelkanäle verbaut und alles mündete in ein 60×60 Zentimeter großes Lochblech und sieht aus wie die Schaltzentrale der Post. Sorry ich brauch mal Riechsalz!

11. Gebot letzter Teil:

Was soll ich sagen. Der ambitionierte Klodeckelzerbrecher wollte die Hausdame wohl schonen und deckte den Mantel des Schweigens über die Tat. Eine Schaltzentrale mit offener Kabellage ziert nun die Hälfte der Wohnzimmerwand. Ob es läuft? Kann ich erst sagen, wenn es zum Showdown, dem großen Umschalttermin kommt. Wann das sein wird? Vielleicht in einer Woche, vielleicht in vier? Auch die emsige Technikertruppe konnte dieses Orakel nicht beantworten. Dann wird es noch mal ganz spannend, denn dann werden wir vielleicht von der Außenwelt abgeschnitten sein, die Mutter kann ihr Tagwerk nicht mehr vollbringen, wir werden hungern und das Jungenskind wird sozial ausgrenzt, weil es keine Blöcke mehr stapeln kann, wir werden vergessen werden in dieser Isolation und nur unsere mumifizierten Körper werden irgendwann ausgegraben. Ihr könnt es spüren – dieser Tag hat mir nicht gut getan – vielleicht sollte man dem Kindsvolk ermuntern, diesen Beruf des Kabellegers zu ergreifen, denn sie haben die Macht über alles…wenn ihr irgendwann nichts mehr von mir hört, wisst ihr wer mich zum Schweigen gebracht hat! Adieu

Nachtrag: Wie man sieht, alles löppt 🙂

 

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